predigt

Phil.1,21

Was der Apostel Paulus einst den Christen in der Stadt Philippi schrieb, möchte ich uns heute in Erinnerung rufen als ein tröstendes Wort, da wir doch geliebter Verstorbener gedenken. Paulus schrieb: Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

Den zweiten Teil seines Satzes kann ich verstehen, wenn ich selbst das Leben satt habe; wenn es mir zur Qual wird; wenn ich der medizinischen Behandlungen und ihrer Er­folglosigkeit müde bin; wenn sich mir keine Perspektive bietet, sondern nur noch ein Hinauszögern – dann scheint Sterben ein Gewinn. Denn im Übrigen erscheint das Ster­ben doch als Niederlage: gekämpft und doch verloren.

Wenn Sterben einen Gewinn haben soll, dann muss nach dem Tod noch etwas kommen – dann muss es schon ein Hinübergehen sein durch den Tod hindurch. Mit Terstee­gen gesprochen: Ein Tag der sagt dem andern, mein Le­ben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, du schöne, mein Herz an dich gewöhne – mein Heim ist nicht in dieser Zeit. In dieser Perspektive erscheint Sterben ein Gewinn. Die Zeit, unterworfen der Vergänglichkeit und verquickt mit Schmerz, Not und Leid, ist dann vorbei, und angebrochen ist, was der Seher Johannes im Bild beschrieben hat, wie wir in der Lesung aus der Johannesoffenbarung gehört haben. Dort sind Leid, Not und Geschrei vorbei, und auch der Tod wird nicht mehr sein.

Ja, und manch suizidalem Verzweiflungsakt scheint das verlockend zu sein, dass dieses Jammertal vorüber ist und die Sonne nie mehr untergeht und keine Nacht für Leib, Seele oder Geist mehr bevorsteht. Dies in menschlicher Befindlichkeit zur Kenntnis nehmend sei ausdrücklich ge­sagt: Paulus hat keinen Suizid im Sinn und rät nicht dazu. Aber für unsereinen könnte dieser zweite Satzteil losgelöst vom ersten „verlockend“ erscheinen. Und dem ist, denke ich, nicht mit dem Gerichtsgedanken beizukommen, son­dern eben mit jenem ersten Satzteil: Christus ist mein Leben! 

Christus – das ist der auferstandene HERR; das ist Jesus von Nazareth, der am Kreuz hingerichtet wurde und starb und den Gott auferweckt hat am Ostermorgen; das ist der, der nicht nur die Himmel durchschritten hat und Mensch wurde, sondern der auch das Totenreich durchschritten hat und den der Tod nicht festhalten konnte, sondern den Gott zu ewigem Leben erweckt hat.

Christus – das ist der, der dem Paulus „erschienen“ ist und der ihn von einem Christenverfolger zum Christusver­kündiger berufen hat. Mit seiner Taufe in Da­maskus ist Paulus Christ geworden und hat sich seinem HERRN und Heiland „verschrieben“.  Christuszeugnis und Christusver­kündigung sind darufhin sein Lebensinhalt geworden. Da war nicht einmal mehr Zeit und Platz und Freude an Fami­lie, sondern Kirche ist ihm zur Familie geworden. Der pharisäischste der Pharisäer war zum sich selbst verzeh­renden Christusnachfolger geworden. Ja – Christus hatte ihn, Saulus gefunden und zum Paulus gemacht. Sein Da­maskuserlebnis war in der Taufe zur Gotteskindschaft ge­worden und was hinter ihm lag, bezeichnete er sogar als „Dreck“. Ich finde das etwas zu krass, denn seine Kennt­nis der hebräischen Bibel ist doch ein wunderbarer Schatz. Aber es unterstreicht nur die Radikalität seiner Lebens­wende. Nur eines zählt: Christus. 

Und von Christus her kann Paulus im 1. Korintherbrief das wunderbare Lied von der Liebe schreiben. Also nicht mit Fanatismus oder Fundamentalismus, sondern Liebe.

Von Christus her kann er im Galaterbrief so wunderbar von der Freiheit schreiben und dass Fremde und Einheimi­sche, Abhängige und Selbständige, Frauen und Männer, Menschen gleich welcher religiösen Herkunft – sie alle sind eins in Christus Jesus durch die Taufe. 

Und was Paulus im 1. Korintherbrief im Konflikt der dor­tigen Gemeinde schon einmal ausgeführt hat, das wie­der-holt er in aller Ruhe im Brief an die Christen in Rom, wenn er Kirche als Leib Christi beschreibt, an dem wir miteinander sehr unterschiedliche, aber aufeinander bezo­gen und nur miteinander wirksame Glieder sind.

Wenn Paulus schreibt: Christus ist mein Leben – dann  hat es zunächst diese persönliche Lebensgeschichte zum Inhalt.

Und zugleich weist dieser Satz noch weit darüber hinaus. Er macht Ernst mit der Auferstehung. Man muss schon die Auferstehung glauben, um sowas zu schreiben.

Nun könnten wir meinen: ja Paulus mit seiner persönli­chen Christuserfahrung, seinem Damaskuserlebnis, als das himmlische Licht in blendete und vom Pferd warf und die himmlische Stimme ihn anrief – ja der kann überzeugt sein und Christus und die Auferstehung glauben. Hätte ich eine vergleichbare Erfahrung in meiner Lebensgeschichte, ich wäre vielleicht ja auch solch ein Bekenner und Chris­tusnachfolger wie Paulus?

Interessanterweise verweist der Apostel in seinen Briefen nie darauf, um andere zum Glauben zu motivieren, son­dern erinnert z.B. an die Taufe – denn das haben alle Chri-ten doch gemeinsam; oder er verweist auf den Heili­gen Geist, denn den hat auch niemand nur für sich; oder er verweist auf die biblischen Geschichten als den gemeinsa­men Bezugsgeschichten. Daran lernen wir glauben – nicht an den persönlichen Erfahrungen. Denn was der eine persönlich erlebt hat, kann und wird für den anderen eben ganz anders sein … aber Bibel, Taufe und Heiliger Geist, die verweisen uns alle auf Christus als unser Leben. 

Paulus bekennt sich also mit seinem Satz: Christus ist mein Leben - zum christlichen Allgemeingut und betont nicht etwas Besonderes für sich; er führt kein Alleinstel­lungsmerkmal an, sondern Grundwissen. Und genau das kann uns weiterhelfen in unserer Lebenssituation – sei es Trauer, oder sei es Verzagtheit; sei es Enttäuschung oder sei es Erschöpfung. Der Hinweis des Paulus hilft uns, weil nicht wir die Macher sind und sein müssen, sondern Paulus erinnert, woran wir uns festhalten könnten.

Gesundheit z.B. ist etwas Wunderbares. Aber wenn ich mich daran festhalten will, dann verliere ich doch mit jeder Erkrankung oder Beeinträchtigung den Halt.

Kraft und Schönheit, Vitalität und Geistesblitze sind etwas Wunderbares. Aber wenn ich mich daran festhalten will, dann rinnt mir doch der Halt wie Sand durch die Finger.

Geld, Haus und Vermögen sind etwas Wunderbares. Aber wenn ich mich daran festhalten will, dann kann ich wegen Rost und Motten, Dieben und Neidern unglücklich werden und habe angesichts des Todes nichts zum Festhalten.

Familie und Freunde sind etwas Wunderbares, und ich wünschte, jede und jeder hätte es wenigstens so schön wie ich. Aber auch da müssen wir mit Enttäuschungen leben und nimmt uns der Tod liebste Menschen. Und selbst, wenn ich sagen würde: nimm mich statt mein Kind – der Tod hält sich nicht daran … leider …

Ja es ist so ein kurzer Satz, aber ein ganz fundamentaler: Christus ist mein Leben. Und das kann auch der Tod nicht zerstören – deswegen ist Sterben mein Gewinn, weil er mich in die ungetrübte Gemeinschaft mit Christus bringt, vom Glauben zum Schauen.

Mit dieser Gelassenheit verwendet Paulus dann mehre Verse darauf deutlich zu machen, dass uns nicht Todes­sehnsucht treiben soll, sondern das Brennen, Jesus Chris­tus zu verkündigen und als Kirche zum Zeugnis für Jesus Christus zu leben. Das übrigens negiert Trauer nicht, son­dern bindet ein in Kirche und wendet sich dem Leben zu.

Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

Amen.