predigtJoh. 19, 16-30

„Wer ist dieser“ – so fragte sich Pilatus im Verlauf des kurzen Prozesses. Man hatte ja von ihm gehört – aber sein Verhalten jetzt war ziemlich rätselhaft.

Jesus schwieg, ob­wohl sich Pilatus durchaus Mühe gab, ihn schnell wieder los zu werden; vielleicht ja, damit es keinen Aufstand gebe durch dessen Anhänger wegen der Gefangennahme und einer Verurteilung …; und es war ihm lästig, in innerjüdi­sche Religionsstreitigkeiten hineingezogen zu werden – das ging ihn, Pilatus, doch nichts an ...

Und wenn Jesus antwortete, dann klang es rätselhaft, ja provokativ: „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“

Was Pilatus verstanden hat aus der Anklage und dem Pro-zess, das lässt er als Verurteilungsgrund mit ans Kreuz schlagen, dreisprachig, damit wirklich alle es lesen können: Jesus von Nazaret, König der Juden.

Jesus heißt also dieser hier verleumdete Gotteslästerer.

Gott rettet, Gott hat dich heraus gezogen – so die Namens-bedeutung. Ob Pilatus das verstanden hat – dieser Name, der ein Programm ist – Gottes Rettungsplan für Men-schen, die sich um Buchstaben streiten und einander Ge-walt antun und von gleicher Achtung weit entfernt sind. Jesus umfängt den Buchstaben mit gütiger Zuwendung und da werden Menschen heil und finden Gemeinschaft;

Jesus nimmt einmal, zur „Tempelreinigung“, wie wir sa-gen, eine Geisel zur Hand – das tut anderen schon weh ...

und sagt zu seiner Verhaftung: „stecke dein Schwert weg“; nichts mehr mit Gewalt auf seiner Seite;

und er macht Kinder zum Glaubensvorbild und lässt sich von einer fremden, einer syro-phönizischen Frau, die um Hilfe für ihre Tochter bittet, „eines besseren beleh­ren“; seine Mutter lässt er gelegentlich abblitzen und kümmert sich, am Kreuz hängend, geradezu rührend um sie.

Wie wäre es, wenn wir diesem Programm Gottes in Jesus folgten? Güte statt Rechthaberei; Gewaltlosigkeit statt entwürdigender Gewalt; Achtung für Kinder und Frauen.

Wir hätten da was begriffen von dem, was da am Kreuz geschrieben steht.

Dieser Jesus aus Nazareth– da also kommt er her; was kann schon aus Nazareth Gutes kommen, weiß man fast sprichwörtlich zu sagen; ist doch ein Kaff; dieses Tor ins galiläische Bergland ist doch durchsetzt von Aufständi-schen und Gewalttätigen und Ungebildeten. Oder kennt man dort einen Lehrer oder eine Schule …?

Abgeschnitten von Jerusalem durch das Gebiet der Sama-ritaner kann man sich auch bei denen nicht so sicher sein in Sachen „Glauben“. Pharisäische Lehrstreitigkeiten statt der reinen Opfer im Tempel.

Nathanael, der diesen Spruch auf Jesus mal loslässt, klingt schon ziemlich arrogant. Und wie viel Arroganz gibt es unter uns? Ich bin aufgeklärt. Ich bin bibeltreu. Ich bin schon immer dieser Meinung. Ich habe schon immer …

Beeindruckend erscheint das, aber ist es beeindruckend liebevoll?

Ach ja, wir wissen, woher er kommt, der Flüchtling. Und der ist so und so … - wir wissen ganz genau, und kennen seinen Charakter nicht und seine Geschichte nicht und sei­ne Beweggründe nicht – aber wir haben doch gehört und wissen aus dem Fernsehen und überhaupt ...:

Natürlich wissen wir und haben gehört und haben Erfah­rungen gemacht – und sollten auch wissen: Vorurteile sind tödlich. Und wenn ich mich „einlasse“, wird es mich verändern. Veränderung aber macht Angst, wenn ich dabei für mich einen „Verlust“ befürchte.

Zu dem „wer“ des Gekreuzigten und seinem „woher“ kommt nun die Todesursache: König.

Das geht natürlich nicht, mit einem solchen Anspruch auf-zutreten oder auch nur dem nicht ausreichend zu wider-spechen, so dass solches Gerede gar nicht erst aufkommt. „Hosianna dem Sohn Davids“ - wer sich so feiern lässt, legt sich doch die Schlinge selbst um den Hals.

Wer dem Kaiser nicht huldigt und seinen Gouverneuren nicht unterwürfig begegnet und seinen Soldaten nicht zweifelsfrei gehorcht, der passt eben nicht in diese Welt.

Dieser Jesus aus Nazareth ist, wenn schon, ein „König der Herzen“. Ja er möchte, dass jede und jeder aus ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und aller Kraft Gott liebt und seinen Mitmenschen wie sich selbst. Kein Selbsthass noch Fremdenhass noch Selbstgerechtigkeit, sondern das Ich in der Gemeinschaft, und wirin der Verantwortung vor Gott und unter der gütigen Zuwendung Gottes, der uns die Son-ne scheinen lässt. Nicht der starke Mann, der dreinschlägt und mitreißt, sondern der Freiheit lässt und einlädt und zu überzeugen sucht.

Naja, solche Spinner enden eben am Kreuz. Aber seine Wahrhaftigkeit und Liebe bewegt die Welt noch immer.

Pilatus hat nicht unrecht, wenn er ihn „König“ nennt. Nur ist es nicht das dem Pilatus gewohnte Herrscherbild, son-dern der leidende Gottesknecht.

Was macht Pilatus, wenn er diesen Jesus von Nazareth einen König derJudennennt?

Was Pilatus in seinem eigenen Herrschaftsdenken Jesus hier unterstellt – ein politischer Hochverräter zu sein – das passt doch bestens, um dieses unterworfene, aber ein Un-ruheherd bleibende jüdische Völkchen zu verhöhnen.

Die können ruhig rufen: wir haben keinen König, sondern den Kaiser – der mit der Dornenkrone eignet sich als Spottfigur. Und schon sind die Verhältnisse wieder gerade gerückt - aus Herrschersicht natürlich.

Was gibt es heute noch davon zu reden – als ob dieses eine Urteil des Pilatus so außergewöhnlich und weltbewegend gewesen wäre – wiewohl er im apostolischen Glaubensbe­kenntnis namentlich genannt wird.

Pilatus beseitigt einen möglicherweise ja doch politischen  Emporkömmling, der womöglich noch alt-ehrwürdige Machtansprüche geltend machen könnte als ein Nachkom-me Davids und der irrigen Meinung, als hätten die noch was zu sagen … Wer ist dieser? Bei aller Rätselhaftigkeit ein möglicher Unruhestifter, den man besser doch aus-schaltet.

Die Wahrheit hat Pilatus wohl nicht gehört noch verstan-den: statt persönlicher oder nationaler Herrschaftsansprü-che gibt sich einer hin, bleibt der Güte und Wahrhaftigkeit und Liebe treu und steht gerade so ein für Gott und wird zum Sinnbild für Menschlichkeit für alle Menschen.

Welch eine Umkehr: was von den Eliten verstoßen wird und unattraktiv erscheint, das wird zur Offenbarung der Liebe Gottes und zur Befreiung aus der selbstverschulde-ten Gottlosigkeit. Dieser Unschuldige ist das Sündopfer und es ist ein für allemal bezahlt; da muss, soll und darf kein weiteres Opfer sein – es ist genug!

Den hat Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist – es ist der Gottessohn an der Seite Gottes, eines Geistes mit dem Vater – so glauben und bekennen wir. Das blieb dem Pilatus verschlossen – diese Wahrheit fand bei ihm keine offenen Ohren, kein offenes Herz.

Heute, liebe Gemeinde, lesen wir, was da mit aufs Kreuz geschrieben wurde: „Jesus von Nazareth, König der Ju­den“. Glaubst du das? Gehst du deinen Weg in seiner Nachfolge? Ist seine menschenfreundliche Güte und Ge­waltlosigkeit im Denken, Reden und Tun; und liebevolle Achtung des anderen und gerade des Schwächeren auch dein Lebensprinzip. Und eines hat er dezidiert nicht getan: andere in den Tod gerissen; vielmehr gab er sich zur Ret­tung seiner Feinde und betete für sie. Amen.