predigtApg.16,23-34

Wie ist denn so Ihre Verfassung?

Na zum Glück gut genug, um heute hier zu sein als Jubel­konfirmand und Jubelkonfirmandin. Bei den einen mag das besonders körperlich bestimmt sein, bei anderen an der Unterstützung liegen, bei dritten am eigenen „dran denken“ und bei vierten vielleicht: ich bin gerade mal gut auf Kirche zu sprechen. Oder aber: mir geht es so schlecht – ich brauche Hilfe; brauche Antwort für meine Lebens­fragen. Wie ein letzter Strohhalm ist mir jetzt Gott.

Wie auch immer: schön, dass SIE da sind! Wir sind in un­terschiedlicher Verfassung– jetzt aber in der einen Ge­meinschaft, die aus Gott lebt und füreinander da sein will und Christus der Welt bezeugen möchte.

Na und die Verfassung unserer Gemeinde ist blendend, sieht man diese renovierte Kirche, am Freitag mit über 400 jungen Leuten zur Gottesdienstfeier, heute Jubelkon­firmation, und zugesagtes Fördergeld für die Orgel-Gene­ralüberholung; und Sonntag für Sonntag nach dem Hören auf Gott und dem Gotteslob der Austausch untereinander beim Kirchenkaffee – wunderbar geht es uns … und noch immer beschleicht mich jedenfalls auch ein komisches Gefühl mit dieser ganzen Strukturdiskussion und Regiona­lisierung. Aufgedrückte Zahlen tun weh. Sie zwingen. Und wenn ich sage: da geht es mir schlecht – da bin ich eben zu emotio­nal. Naja – aber gefühllos in guter Verfassung ist die viel­leicht schlechteste Verfassung …

Und das ist ambivalent mit der Verfassung, zwiespältig:

Ich las von Susanne Klehn. Sie war 27 Jahre alt, als Hautkrebs diagnostiziert wurde und statistisch die Chance bestand, dass sie zu 33% noch 10 Jahre leben würde. Eine prekäre Verfassung und sie fühlte sich oft nicht wohl in ihrer Haut. Heute, 10 Jahre später und mit 13 Narben sagt sie: Es war das Beste, was mir passieren konnte. Der Krebs hat mich zu mir selbst gebracht. Sie ist dankbar für diese Zeit mit all dem Schmerz und sieht ihr Leben als Geschenk und liebt die Frau, die sie ist. Ich staune.

Ja, und da habe ich gedacht: das muss ich weitererzählen. Und darum frage ich: wie ist denn so ihre Verfassung?

Übrigens: ich habe diese Idee geklaut – aus der Zeitung.

70 Jahre Grundgesetz.Dazu stand: wir sind in guter Verfassung.Oh, jetzt wird es politisch – naja, eine Woche vor dem Wahlsonntag …

Nun, ich habe mich an der Verfassung der DDR – in die­sen Staat wurde ich hineingeboren - gerieben, weil sie mich meines Glaubens wegen benachteiligt hat. Religions­freiheit und kirchliches Leben wurde gemaßregelt. Das finde ich eine schlechte Verfassung. Und da bin ich froh, dass das Grundgesetz die Menschenrechte als Grundrechte allem staatlichen Handeln voranstellt und von der Würde des Menschen ausgeht – ja, eines jeden Menschen – und diese Würde hat ihre Wurzel in der Bibel und im jü­disch-christlichen Glauben. Ich sage das mal so: das christliche Abendland ist eine Fiktion. Jüdisch-christlicher Glaube ist Realität mit dem Bibelbuch als Zeugnis und lebendigen Gemeinden obendrein ...

Ich möchte uns dann noch eine biblische Geschichte lesen. Sie erzählt vom Apostel Paulus, als er in Philippi, dieser griechisch gegründeten und römisch wiederbelebten Stadt von Jesus erzählt hat und dann wegen Aufruhr ins Gefäng­nis geworfen wurde. Eine ziemlich „blöde“ Situation.

Vor­her war er in Kleinasien regelrecht herumgeirrt, hatte dann einen Hilferuf aus Mazedonien geträumt und war losgezo­gen und es lief in Philippi gut an mit der Bekeh­rung der Lydia. Und mitten im vielversprechenden Auf­bruch drohte der persönliche Untergang. Naja – vielleicht eher die Älteren unter uns kennen solche Wechselfälle im Leben: Glücksgefühl und bittere Enttäuschung. Man hat Kinder und die gehen alle weg und im Alter ist niemand da. Du hast dich aufgeopfert, aber es wird dir nicht mal gedankt. Du hast auch und immer und hart gearbeitet – und deine Rente ist mäßig. Du warst deinem Gott und christlichem Glauben treu- und standest und stehst auf der Schattensei­te des Lebens. Du fühlst dich gefangen und in Fesseln ge­legt. Chancenlos – und ja, da steigt Verbitterung auf.

Nicht so in der Geschichte: da singen Paulus und Silas ihrem Gott Loblieder. Das ist schon ziemlich verrückt. Und das Erdbeben dann auch und dass sie frei werden und unverletzt sind und dann auch noch der Gefängnischef getauft wird. Ja, eine verrückte Geschichte.

Aber was ist da „verrückt“? Dass da jemand auch in schlimmer Lage seinem Gott treu ist und von seinem Glauben Zeugnis gibt, statt zu fluchen?

Was ist da „verrückt“? Dass da jemand nicht sein Heil in der Flucht sieht, sondern es in Jesus Christus längst hat und davon weitererzählt?

Was ist da „verrückt“? Dass da jemand seinen Peiniger nicht umbringen will, sondern sich für dessen Leben stark macht?

Nun, wir sind nicht in Philippi, sondern in Thalheim; nicht im Gefängnis, sondern frei in einer Kirche; nicht erdbe­benerschüttert, sondern heute in Feststimmung und erfreut über das Wiedersehen; vielleicht auch erstaunt über: ach, bin ich schon so alt? Oder nachdenklich, glücklich, be­schämt über den eigenen Lebensweg und das eigene Glau­bensleben. Wir finden uns gewissermaßen in recht unter­schiedlicher Verfassung in dem einen Boot – Kirche und christlicher Glaube. Beileibe nicht im Gefängnis, sondern an einem Erinnerungsort und Aussichtspunkt.

Und vielleicht sollten wir gerade das aus der biblischen Geschichte mitnehmen: den Ausgang bestimmt Gott. Aber was an mir liegt, möchte ich es an Glaubenstreue und Gotteslob nicht missen lassen.

Na nun endlich – hört die Geschichte ...