predigtJes.2,1-5

Vielleicht haben Sie es ja gelesen auf der Kulturseite der Frei­en Presse letzten Freitag: Die Mär von den friedlichen Läm­mern Jesu.Sybille Peine stellt ein Buch von Catherine Nixey vor, in welchem Letztere den Christen – uns Christen die Zer­störung der Antike vorwirft. Von wegen friedliebende Christen – Barbaren sind wir, Kulturzerstörer, stellen uns nur gerne als die von Rom Verfolgten dar.

Tja, da ist Belastendes in der Geschichte der Kirche – und das ist uns auch bekannt und da ist niemand stolz darauf. Ich finde es allerdings etwas „reißerisch“ aufgemacht, wenn man die Jahre 321 und 381 schlichtweg übergeht: 321 wird das Chris­tentum zu einer „erlaubten Religion“ im röm. Reich. Man fei­erte den Kaiser wie einen Messias, weil die Verfolgungen zu Ende waren. Und 381 wird das Christentum zur Staatsreligion erklärt und im Namen Jesu Christi werden die anderen Reli-gionen verfolgt. Martin Luther nannte die Zeit von 381 – 1520 die babylonische Gefangenschaft der Kirche. Das ist und soll keine Entschuldigung sein für das, was da passiert ist, die Er-oberung Amerikas eingeschlossen, und die Kulturzerstörungen und die Gewalt bleiben beschämend. Aber zur intellektuellen Redlichkeit gehört es schon: Wenn man von den frühen Chris-ten spricht, dann sind diese beiden Jahreszahlen als Zäsur mit zu bedenken, meine ich. Und der zitierte erste „Vorfall“ in Palmyra geschah 386.

Und zudem darf man und muss man fragen: passt dieses Han­deln zu Jesus? Ich meine „nein“, denn es ist uns anders über­liefert. Nämlich zur Botschaft Jesu gehört die Gewaltlosigkeit. Und dann sind die bedrückenden Geschehnisse zugleich Verrat an Jesu Botschaft. Die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Überlieferung gehört doch zu un-serer eigenen Theologie der Gegenwart.

Es trifft sich nun, dass das für diesen Sonntag bestimmte Bi-belwort für die Predigt ein alttestamentlicher Text ist, der davon erzählt, dass die Völker zum Zion strömen, dass sie also zum jüdischen Tempel nach Jerusalem pilgern – angelockt wie die Bienen zu den Blüten oder die Schmetterlinge von leuch­tenden Farben oder Hungrige zu einem dampfenden Suppen­kessel; und dass sie dort, bewaffnet und konfliktbeladen, wie sie sind, Recht und Gerechtigkeit finden und damit Frieden lernen und ihre Waffen zu Nutzwerkzeugen umarbeiten. Was der Prophet vor sich sieht und verkündet, das soll uns Rücken­wind und Motivation sein, Recht und Gerechtigkeit, eben auch Rechtsstaatlichkeit aufzurichten, in der die Würde eines jeden geachtet ist; wo ein jeder, statt zur Nummer gemacht, einen Namen hat, und eine jede mit ihrer Geschichte angesehen wird. Im Asylrecht wäre das die Einzelfallprüfung und eben nie „pauschalisieren“. Denn Entwürdigung ist Unrecht; und wen wundert´s, wenn zur Beseitigung von Unrecht zu Waffen gegriffen wird? Wenn auch dem Schwächsten Recht gewährt wird und wir uns um Gerechtigkeit mühen, in der die Inter-essen all der anderen gebührend berücksichtigt sind wie die eigenen, dann haben wir Frieden.

Und so sagt es der Prophet, aufgeschrieben im Jesajabuch im 2. Kapitel:

Liebe Gemeinde, mein Einstieg zur Predigt: ein Geschichts-buch, genauer nur eine Rezension dazu mit dem Nachweis: „Ihr bösen Christen“. Was wäre aber, wenn wir Geschichte nicht betrachten als Rechtfertigung für mich oder als Anklage gegen andere (ich bin ja auch nicht der Täter von damals!), sondern als Lernfeld für uns heute: gerechter zu sein, friedfer­tiger zu sein als jene geschichtlichen Beispiele. Dann hätten wir was gewonnen und das Miteinander hätte gewonnen.

Die Vision des Jesaja, dass mit Konflikten beladene und Be-waffnete zusammenströmen, um Recht und Gerechtigkeit zu lernen und darüber Frieden zu machen, so dass man die Waf-fen nicht braucht – sollte uns das nicht Rückenwind und der Geist sein, dem wir folgen in unseren Tagen? Nicht der Appell an andere und macht ihr erstmal, sondern an die eigene Adres-se ergeht das: „Auf geht’s – wir wollen so handeln!“, wie es der Prophet seinen Zeitgenossen zuruft. So fängt Frieden mit mir, mit uns an.

Friede, ja Friede zwischen den Völkern, nicht als Ergebnis der stärkeren Waffen, sondern als Frucht der Gerechtigkeit. Und die Thora – die Weisungen Gottes, des Gottes, der Israel aus der Knechtschaft befreit und ihnen diese Weisungen zum Le-ben in Freiheit und Gerechtigkeit und Frieden gegeben hat – damit können alle Gerechtigkeit lernen und Frieden machen. Hier ist der Jerusalemer Tempel nicht als Kultort im Blick, um Opfer darzubringen, sondern als Lernort – Lernort für Gerech-tigkeit und Frieden. Dieser Lernort hat sich in der Geschichte des Judentums auf die Synagoge verlagert. Christen haben die-sen Lernort aufgegriffen und in die Kirche übernommen. Wenn wir darum in der Kirche zusammen sind, um Gott anzubeten, dann sind wir im gottesdienstlichen Geschehen immer auch Hörende und darin Lernende. Sehen wir uns selber als eine solche Lerngemeinschaft? Und was wir dabei lernen und was für die Welt und das Leben relevant ist, sind Recht und Ge-rechtigkeit.

Lernort Kirche – weil die Bibeltexte, die wir hören und be-denken, das bewirken wollen: erkennen, was falsch läuft und von falschen Wegen umkehren und nun die „bessere Gerech-tigkeit“ tun – nie selbstgerecht, sondern als die durch Gott be-freiten und zu Gerechtigkeit und Frieden berufenen Gotteskin-der. Gottesdienstfeier erinnert uns daran und vergewissert uns darin – und das können und sollen wir mit allen Menschen tei-len. Das ist nicht exklusiv für uns, sondern wie für uns, so für die ganze Welt.

Lernort Kirche, wenn wir Abendmahl feiern: Leben als Ge-schenk empfangen; Vergebung annehmen und Vergebung schenken und durch Versöhnung Frieden finden; und solchen Frieden durch miteinander teilen bewahren – so geschehen Recht und Gerechtigkeit ganz praktisch: durch Annahme und Teilhabe – so kann Gemeinschaft leben; da ist mein Leben be-wahrt und ich erfahre Geborgenheit. Und um es mit einem Jesuswort zu sagen: „wer zu mir kommt, den werde ich nicht zurückweisen“. Das fällt uns selbst in der Kirche nicht leicht, so  einfach und bedingungslos willkommen zu heißen. Meinen wir etwa, etwas zu haben, was uns vor anderen ein Vorrecht gebe? Unser Vorrecht ist, wie es der Prophet Jesaja in seiner Vision voraussetzt, das Israel oder eben wir als Kirche um Recht und Gerechtigkeit wissen und darum Menschen des Friedens sind; Menschen, die Recht und Gerechtigkeit aufrich-ten und Waffen überflüssig machen; die nicht mit drohender oder tatsächlicher Waffengewalt Tatsachen schaffen oder zu schaffen versuchen, sondern das Lebensrecht, Wohlergehen, Sicherheitsbedürfnis, Selbstbestimmung und die Würde des anderen mit bedenken und zu verwirklichen suchen – eben weil aus Gerechtigkeit Frieden erwächst.

Oder meine ich, mir stünde mehr vom Leben zu, ein größerer Anteil für mich? Lernort Kirche: wenn wir Abendmahl feiern ist für jede und jeden eine gleichgroße Hostie. Das ist der gan-ze Christus und das reicht für mich wie für andere. Ein überra-schender Gedanke? Wieso überraschend? Liegt darin nicht Ge-rechtigkeit – und daraus erwächst Frieden?

Lernort Kirche: wenn wir Abendmahl feiern, empfangen wir und nehmen uns nicht selbst. Diese Haltung des Empfangens und Danke sagen ist doch eine ganz wesentliche Lebenshal-tung, die einhergeht mit dem Vertrauen: auch ich werde em-pfangen, nicht vergessen, bin geliebt. Sehe ich mich so – oder eher als Benachteiligten, zu kurz Gekommenen? Da wäre schon Unfrieden, weil es ungerecht zugeht oder weil mein Ego mehr will?

Lernort Kirche und Abendmahlsfeier als Lernerfahrung für Gerechtigkeit. Und im positiven immer wieder: ich bin be-schenkt, angenommen, Teil der Gemeinschaft. Das ist Leben.

Da finden wir und daraus erwächst Frieden.

Lernort Kirche – liebe Gemeinde, vielleicht wäre es ja an der Zeit für Arbeitsgruppen in der Gemeinde oder durch die Ge­meinde initiiert in der Stadt, die sich Fragen der Gerechtigkeit in unserem Umfeld widmen, oder im diakonisch-missionari­schen Engagement in Zusammenarbeit mit Lebenssituationen in anderen Ländern, um Recht und Gerechtigkeit zu schaffen und für die Wahrung der Menschenrechte zu sorgen, wo deren Vernachlässigung oder Verletzung wahrgenommen wird – weil ja damit der Friede gestört ist und so Kriegsgefahr lauert.

Vielleicht ja wäre auch die Beschäftigung mit gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien lohnenswert, um in Krisensituatio­nen weniger hilflos zu sein. Und das wäre nichts „kirchen­fremdes“, sondern folgt der Vision des Propheten Jesaja, dass Frieden aus Recht und Gerechtigkeit erwächst und man das Frieden machen lernen kann.

Dabei können wir uns des „Belehrens“ enthalten. Denn in der Vision des Jesaja ist es wohl so, dass die Völker, inspiriert durch die Weisungen der Thora, also im Fragen nach dem Tun der Gerechtigkeit, dass sie selber dann die Waffen zu Werkzeu­gen umfunktionieren. Denn nicht wir, unsere Kultur und Le­bensweise, Erfahrungen oder Rechtssysteme sind der Maßstab, sondern das Wort von Gott. Wir und unsere Rechtsform sind bestenfalls und hoffentlich eine gute Entsprechung; eine gute Form für Recht und Gerechtigkeit und damit Frieden im Kleinen wie im Großen, zwischenmenschlich wie zwischen den Völkern.

Wir, auch als Kirche, sollten uns nichts Göttliches anmaßen, sondern schön auf dem Boden bleiben; sollten beständig Ler­nende sein und ein Lernort. Denn nicht von irgendwoher, son­dern mit uns wird die Vision des Jesaja Wirklichkeit. Und dann wird es nicht nötig sein, einander zu bekämpfen und kulturell Wertvolles zu zerstören. Denn im Frieden können wir einander besuchen, miteinander diskutieren, und das tägliche Brot ge­nießen – oder wie es beim Propheten Micha zu ebendieser Vi­sion steht: „unter dem Feigenbaum oder Weinstock sitzen und nicht aufgeschreckt werden“. So ist der Friede. So wären wir „Licht-Menschen“

Amen.