predigtJoh.6, 30-35

Menschen haben Hunger. Wir nennen es Hunger nach Brot als unserem Grundnahrungsmittel. Hunger im Bauch und die Angst morgen oder übermorgen nichts zu essen zu haben, kenne ich nicht. Ich war immer wohl versorgt. Das geht durchaus einher mit der Wert­schätzung von Lebensmitteln, vielleicht weil der eigene Schweiß beim Ackern oder Kartoffel legen oder Heu ma­chen seine Wirkung hatte. Und gegen Verschwendung stand ein „genügsam“ leben.

Ich weiß vom Hunger in der Welt – auch dass meine bzw. unsere Lebensweise insgesamt und früherer Kolonialis­mus eingeschlossen nicht unschuldig sind am Hunger weltweit. In der letzten Woche kam die Meldung, dass verallgemeinert „wir Deutschen“ unseren Anteil an der Erde verbraucht haben. Nach dieser Rechnung heißt es doch: was ich jetzt noch esse, das nehme ich anderen weg. Ein bedrückender Umstand. Und auch Brot für die Welt ist nur eine Hilfe und nicht die Lösung des Problems.

In vielen Jesusgeschichten geht es um realen Hunger nach Brot. Nahrungsmangel. Und ich würde diese Geschichten nicht nur symbolisch verstehen wollen – da nimmt man ihnen den realen Bezug und versperrt sich der Herausfor­derung „zu teilen“ - und seien es fünf Brote und zwei Fi­sche für 5.000 Menschen. Teilen hat einen wunderbaren Effekt.

Liebe Gemeinde, es ist und bleibt die politische Aufgabe – für uns Christen motiviert durch die Jesusgeschichten – wirtschaftlich Gerechtigkeit zu schaffen und die Güter der Erde, ja das Brot der Erde, die Resourcen der Erde mit­einander zu teilen. Da schreit und stinkt das Lebensmittel­wegwerfen hierzulande zum Himmel. Das muss sich än­dern – nicht nur mit Hilfs­lieferungen, sondern vor allem mit gerechten wirtschaftli­chen Strukturen, dass nicht unser Profit anderen das Brot vom Tisch nimmt.

Menschen haben Hunger – Hunger nach Liebe. Angenom­men sein, anerkannt werden, mittun können, getröstet wer­den. Unser seelischer Hunger nach Streicheleinheiten. Ich vermute, da können wir mitreden als Betroffene.

Ich fühle mich, z.B., nicht verstanden. Mein Gefühl signa­lisiert das Problem – und vielleicht war der Auslöser, dass meine Gedanken zur Sache einfach so im Raum stehen bleiben und übergangen werden. Na Mensch – hört mich denn keiner ...?

Oder: Das Gefühl von Einsamkeit. Es soll auch Mobbing geben. Süchte und Suchtkranke – weil Sehnsüchte, seeli­sche Bedürfnisse unerfüllt bleiben? Nicht der Mangel an Essen, aber ein Mangel an Liebe. Da geht es uns materiell so gut, und die Seele ist so arm dran.

In vielen Jesusgeschichten geht es um den Schrei der See­le: Kranke, die ausgegrenzt werden; Witwen, die verges­sen werden; Kinder, die abgewiesen werden; Frauen, die verurteilt werden; der Schmerz durch Selbstgerechtigkeit und Unversöhnlichkeit. Bei Jesus erleben die Kranken Zu­wendung, Ausgestoßene erfahren Annahme, schuldig ge­wordene finden Vergebung; Niedergetretene finden Hoff­nung. Großartige Geschichten – das kann und wird unsere Erfahrung sein, wenn wir uns Jesus zuwenden. Ja, es ist „gebrochen“ durch menschliche Sündhaftigkeit – aber doch: das ist die Erfahrung. Es möge erfahrbar sein heute Morgen in unserer Gemeinschaft, in der Abendmahlsfeier, beim Kirchenkaffee. Und dann durch die Woche bis zum nächsten Sonntag möge es gelingen in Ehe und Familie, im Wohnumfeld und auch auf Arbeit. Es soll nicht sein, dass die Seele „vor die Hunde geht“ … Da macht Jesus satt.

Ich muss da noch einen Hunger ansprechen. Leib und See­le hatten wir schon. Wäre da noch der Geist. Die Differen­zierung der alten Griechen zum Verständnis von uns Men-schen nimmt auch diese Dimension unseres Le­bens in den Blick: meine Selbstannahme und mein Platz in der Welt. Wer bin ich und wo komme ich her und wo gehe ich hin? Es ist schon richtig, dass wir im „jetzt“ leben. Was soll ich mit dem „früher war alles besser“ oder einem vertröstet werden auf später. Jetzt möchte ich gerne glücklich sein. Und wenn dieses Glück taugt, muss es der Vergangenheit nicht nachtrauern, sondern wird dankbar zurück denken; und wenn dieses Glück taugt, wird es in die Zukunft tra­gen und nicht heute verbauchen, was für morgen gedacht ist. Christlich gesprochen: Mein Leben ist Gottes Idee und der Liebe entsprungen – und Gott erwartet mich und be­gleitet mich auf dem Weg. Sein Geist ist jetzt für mich da; und wie für mich, so für alle Menschen. Es ist doch Gottes Geist und deswegen hat es daran keinen Mangel ...

Liebe Gemeinde, ich möchte diese Geborgenheit, dieses Ja Gottes für mein Leben nicht missen! Das ist die Nah­rung für meinen Geist.

Und ja, ich kann und will und soll nicht leben ohne Brot, ohne Angenommensein, ohne Geborgenheit. Ich halte auch keines für wichtiger oder geringer. Wo etwas fehlt, bedeutet es Mangel, Not und Leiden – körperlich oder seelisch oder geistig. Gedacht und gottgewollt ist Fülle.

Unser Bibelwort sagt: Jesus reicht. Jesus ist das Brot des Lebens. Wer Jesus hat, muss nie mehr hungern – der ist satt. Eine sehr vollmundige Aussage. Ich möchte sie unter­streichen, denn: die Jesusgeschichten motivieren, dass wir das Brot miteinander teilen. Das schafft den Hunger ab.

Mit Jesus, durch ihn und in der Kirche erfahren wir, dass der seelische Hunger gestillt wird. Christlicher Glaube motiviert und lehrt zu lieben – zu trösten, zu helfen, zuzu­hören, aufmerksam wahrzunehmen, die bösen Geister aus­zutreiben.

Und Jesus ist mir, uns, der Welt die Antwort auf den geist­lichen Hunger: geborgen zu sein in Zeit und Ewigkeit; Hoffnung zu haben über den Tod hinaus; auch mit meinem Scheitern und Versagen angenommen zu sein und durch Versöhnung Frieden zu finden.

Noch einmal mit den überlieferten Worten Jesu: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nim­mermehr dürsten.

Halleluja! Amen.

Fürbitte:

Jesus Christus, du wirst uns verkündigt als das Brot des Lebens und das Wasser, das den Lebensdurst stillt. Wir bitten dich: offenbare dich uns in unserer Not, in unserem offensichtlichen oder versteckten Hunger und Durst.

Wir werden gut satt, aber viele Menschen leiden unter Mangelernährung und Hunger. Hilf uns durch deinen Geist, die Güter der Erde miteinander zu teilen und dafür gerechtere Strukturen zu schaffen; und kein „ich zuerst“ propagieren, sondern Brot für die Welt.

Unsere Familien, Freunde, Kirche sind so wichtig, den seelischen Hunger zu stillen. Hilf uns durch deinen Geist einander anzunehmen, füreinander da zu sein, miteinander glücklich zu sein.

Wir denken heute besonders an Maritta und Matthias Krodel, die gestern ihr goldenes Hochzeitsfest gefeiert haben. Danke für ihr Glück miteiander und in der Familie. Bewahre sie in Fröhlichkeit, Gebet und Dankbarkeit.

Und dir befehlen wir die heimgegangenen Ingeburg Frenzel, geb. Drechsel und Eberhard Rehm, die beide 90 Jahre alt wurden. Danke für ihre gesegnete Lebenszeit. Und hilf uns es dem 20-jährigen Eberhard Rehm nachsa­gen zu können: christlicher Glaube ist das Wertvollste, was ich besitze. In diesem Glauben begegnet unsere Trau­er der Verheißung der Auferstehung – uns zum Trost.

Ja Herr, manchmal können wir uns selber nicht ausstehen, verzweifeln an unserem Versagen und Misslingen. Und du sagst uns: Ich habe dich lieb.

Hilf uns durch deinen Geist, dich zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst.

Hilf uns heraus aus unserer Angst zur wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes, in die du uns berufen hast.

Du, Jesus Christus, das Brot für die Welt und das Heil für jede und jeden. Lass uns gute Boten des Evangeliums sein, die den Menschen Brot und Liebe bringen.

Amen.