predigt1. Mose 28, 11-19a 

Diese beeindruckende Erzählung von Jakob in der Nacht nach seinem Betrug und der Flucht vor seinem erzürnten Bruder Esau möchte ich mit drei Fragen auf uns beziehen:

1.) Bin ich auf der Flucht?
Es gibt es ja nicht nur bei Jakob und mit Esau, dass jemand sein Heil in der Flucht sucht. Davonlaufen.
Es gibt Fluchtursachen wegen lebensbedrohlicher Umstände. Und das „sich erstmal in Sicherheit bringen“ möge bitte be-wahrt bleiben. In unserer Bibel findet sich dezidiert das Asyl-recht. Also müssen wir schauen, worin die Flucht begründet ist. Freilich gilt auch das: Damit ist kein Problem geklärt, sondern wir nehmen es mit. Und zumeist hat das Problem auch meinen Anteil. Deswegen die kritische Frage an mich: Bin ich auf der Flucht? Wem laufe ich davon? Was ist mir unerträglich geworden?
Vorgestern läuteten zu ungewöhnlicher Zeit die Glocken: 5 vor 12 – und dann eine Andacht in der Kirche zum Welt-Klima-Streik.
Politik in der Kirche? Mit der Kirche? Durch die Kirche?
Nun, es geht um die Erde – und das ist der gemeinsame Le-bensraum; und es geht um uns Menschen und unser Tun und Lassen – und das zeigt sehr zerstörerische Wirkungen. Das kann man zu ignorieren suchen wie ein Donald Trump. Das verschärft den Konflikt nur noch. Und man kann dem Problem nicht davonlaufen – wohin denn? Weil ihr Lebensraum bedroht ist, werden Menschen vor dem Wasser fliehen. Damit kommt zum Klimaproblem das soziale Problem. Flucht verschärt das Problem der Erderwärmung. Und auch wir laufen davon?

Bin ich auf der Flucht? Das könnte auch eine innere Immigra¬tion sein, ein sich verschließen. Körperlich anwesend, aber geistig abwesend und seelisch eingefroren. Gesprächsverwei¬gerung ist dann vielleicht eine Folge. Und Entfremdung.

Jakob übrigens bekommt zu hören, dass er hierher zurückkom¬men wird. Und die Zeit heilt alle Wunden? Oder eben nur ein Aufschub zum klärenden Gespräch zwischen den Brüdern?

2.) Den Segen ergaunert – dabei den Fluch gewonnen?
Jakob hat Pech: er ist der Zweitgeborene – und das Familien-oberhaupt wird eben der Erstgeborene. Auch der jüngere Zwil¬lingsbruder bleibt die Nr.2 – da ändert auch nichts daran, dass er Mama´s Liebling ist und sie den Betrug anstachelt.
Gelegentlich fühlen wir uns wie Jakob – unverschuldet be-nachteiligt. Das ist doch ungerecht – und unerträglich. Und der Neid ersinnt die List? Und wie kann Esau dann so unbe-herrscht reagieren und rasend werden – der soll mal bitte seine Emotionen in Zaum halten … - oder?
Vielleicht geht es auch nicht um eine Geburtsreihenfolge, son-dern um übergangen worden sein. Also bringe ich mich in Stellung, damit mir etwas zugute kommt und meine Position gestärkt wird.
Jakob meinte, sich Segen ergaunern zu können – und wenn er ihn erst mal hat, dann hat er doch dem Bruder den Rang abge¬laufen. Die Geschichte lehrt uns wie das Leben übrigens auch: unrecht Gut gedeiht nicht gut. Statt Familienoberhaupt wird Jakob zum Flüchtling, und dann seinerseits auch von den nächsten Verwandten wiederholt und so richtig ausgetrickst. Seine Gaunerei lastet schwer auf ihm. Die hastige Flucht ist nur der Anfang. Nicht er bestimmt den Lauf – er ist ein Getriebener.

3.) Was ist mit den Orten meiner Gotteserfahrung?
Diese Geschichte mit Jakob wird zur Gründungsgeschichte des Heiligtums in Beth-El – dem Haus Gottes.
Gewöhnlich verbinden wir mit einer Kirche als Gotteshaus keine nächtlich-traumhafte Gotteserfahrung, sondern hoffent¬lich schöne Gottesdienstfeiern und den persönlichen Zuspruch in Taufe, Konfirmation, Trauung, Abendmahlsfeier.
Und vielleicht oder hoffentlich ist uns da auch schon mal ein Licht aufgegangen oder sind wir zur Ruhe gekommen oder sind in unserer schuldhaft verursachten Situation der Gnade und dem Zuspruch Gottes begegnet.
Gott begegnet dem Jakob auf freiem Feld und braucht dazu keine Kirche, lässt sich darauf auch nicht festlegen noch darin einfangen. Aber uns Menschen kann es ein Erinnerungsort sein – nicht museal für etwas Vergangenes, sondern Vergegenwärti¬gung der Gotteserfahrung für mein Leben jetzt und hier; nicht um aus der Wirklichkeit zu fliehen, sondern um meinen Weg unter dem erneuerten Zuspruch Gottes weiter zu gehen.
Vielleicht in meinem Selbstzweifel darf ich mit Blick auf den Taufstein erinnern, dass ich trotz allem ein Kind Gottes bin – das bedeutet doch meine Taufe. Von Gott geliebt und unter sei¬nen Augen darf ich den Weg durch die neue Woche gehen und dann hierher zurückkehren.
Vielleicht in meiner Trauer sehe ich den Totenschädel unter dem Kreuz liegen. Das letzte Wort hat Christus, nicht der Tod. Vielleicht in meiner Angst und Resignation möge ich beim Blick zur Kanzel an das Evangelium erinnert werden und dass Gottes Geist zur Umkehr hilft, zum Frieden hilft, zur Liebe die Kraft schenkt, und ich es wage umzukehren, Frieden zu machen, zu lieben.

Aber Beth-El ist wie der Berg der Verklärung kein Ort zum Verbleib, sondern Erinnerung für das Gottvertrauen jetzt und den nächsten Schritt. Amen.

Fürbitte:
Vater im Himmel, wenn wir auf der Flucht sind vor dir, dann hole uns bitte ein wie Jakob in einem nächtlichen Traum und lass uns neu deiner Liebe und deiner Nähe gewiss werden.

Vater im Himmel, wenn wir auf der Flucht sind heraus aus unserer Lebenssituation, dann hilf uns bitte klar zu kommen mit dem Paket Problemen, das wir mitnehmen und das wir doch nur mit denen klä-ren können, mit denen wir im Clinch liegen.

Vater im Himmel, wenn wir auf der Flucht sind vor uns selber mit unserem Scheitern und Versagen; unserer Unterlegenheit im Ver-gleich mit anderen; unserem Zurückbleiben hinter ei-genen Ansprü-chen wie denen unserer Nächsten, dann lass uns deine Güte und dein Erbarmen neu entdecken

Vater im Himmel, wir beten für die weltweit vielen Flüchtlin-ge, die ein verändertes, neues Zuhause suchen, Schutz suchen, Lebensper-spektive suchen. Hilf uns, wie ein barmherziger Samariter zu han-deln. Wir erwirtschaften einen Milliarden schweren Haushaltsüber-schuss und sind offenbar unfähig, die wirtschaftliche Not anderer beheben zu helfen. Befreie uns, Herr, aus unseren Egoismen zur Hilfsbereitschaft.

Vater im Himmel, wir beten für unsere aufgeheizte Erde und unse¬ren Anteil daran. Gib uns wie allen politisch und wirt-schaftlich Verantwortlichen deinen Geist, dass wir entschlos-sen und mutig sorgsamer mit der Erde umgehen.

Vater im Himmel, wir beten für Marietta Linder, die du im Alter von 85 Jahren heim gerufen hast in die Ewigkeit. Lass sie ruhen in dei-nem Frieden und erfülle mit Frieden und mit der Auferstehungshoff-nung, die um sie trauern.

Vater im Himmel, wir beten für das Miteinander in in unseren Ehen und Lebensgemeinschaften, für das Wohlergehen der Kinder wie der Alten und Kranken und die Fürsorge für die Bedürftigen, dass wir einander Nächster und füreinander da sind.

Vater im Himmel, wir beten für deine Kirche und unsere Gemeinde und das Miteinander der Christen in unserer Stadt, dass wir dich der Welt bezeugen und als Salz der Erde und Licht der Welt erkannt und erfahren werden.

Vater im Himmel, wir beten für all die Menschen, die dich nicht kennen oder denen du fremd geworden bist, dass sie ihr Beth-El erleben und dich als den liebenden himmlischen Vater in ihrem Leben erfahren.

Vater im Himmel, erfülle uns mit deinem Geist, dass wir leben in deiner Kraft und lieben nach deinem Beispiel. Bewahre uns auf dem Weg durch die Zeit und in dir geborgen sein in Ewigkeit durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn.
Amen.