predigtJak. 2, 14-26

Glaube und Werke

Liebe Gemeinde, das sind aufregende Zeiten, die wir gerade erleben: Die Türkei beansprucht eine Sicherheitszone im Nachbarland Syrien und führt deswegen Krieg. Was ich dazu höre ist: die Kurden dort seien Terroristen, die man vertreiben möchte. Und Flüchtlingslager in der Türkei sollen dorthin verlagert werden.

Verrückte Zeiten, in denen der US-Präsident beschuldigt ist, sein Staatsamt mißbraucht zu haben gegen innenpolitische Wahlgegner.

Verrückte Zeiten, wenn in der Brexit-Debatte um Johnson´s Deal mit der EU seitens schottischer Abgeordneter erklärt wird: wenn das wahr wird, dann sind wir draußen aus der Union und bilden einen souveränen Staat innerhalb der EU.

Verrückte Zeiten in unserer Landeskirche, wenn der Landes-bischof seinen Rücktritt erklärt.

Verrückte Zeiten sind das doch, wenn eine schwedische Schü-lerin mit einer Sitzblockade vor dem Parlament ein Klimabe-wusstsein weckt, sodass sie auf der UN-Vollversammlung zu sprechen gebeten wird und die Bundesregierung ein Klima-packet schnürt – oder auch nur ein kleines Päckchen, wie manche meinen.

Und wir feiern Gottesdienst wie eh und je und bitten Gott, dass ER dem Chaos ein Ende mache und sein Reich aufrichte.

Na klar, wir feiern Gottesdienst wie eh und je und setzen uns auseinander mit der biblischen Botschaft, die uns den Spiegel für unser Tun und Lassen vorhält und uns der Sünde überführt; die uns ein Liebesbrief Gottes ist und uns in die Gotteskind-schaft führt; die uns zum Glauben ruft und zum Handeln aus Glauben anleitet.

Heute ist es der Jakobusbrief, auf den wir besonders hören und mit dem wir uns darum auseinandersetzen.

Jakobus schreibt als erstes von Anfechtung. Zweifel nagen. Der Glaube gerät in Zweifel wegen der praktisch erlebten Un-gleichheit. Es gibt Arme und Reiche – und dass die Christen in der Gemeinde „alles gemeinsam haben und füreinander Sorge tragen“, scheint aufgehoben. Die Reichen tragen ihren Reich-tum zur Schau und erwarten und bekommen auch innerhalb der christlichen Gemeinde den Ehrenplatz. Jakobus findet das nicht okay und erwartet von den Reichen, dass sie ihren Näch-sten – und das sind diese Armen – helfen und sie materiell unterstützen.

Die Reichen aber machen geltend: es geht doch um Glauben -  und ich glaube. Vielleicht hat dann jemand Sätze des Apostel Paulus aus dem Philipperbrief (Kap.2) hergesagt: > Ich glaube, dass Jesus, der in göttlicher Gestalt war, es nicht für sich selber festhielt, Gott gleich zu sein, sondern genau das aufgab und Mensch wurde. Er, der Gottgleiche erniedrigte sich und lebte gehorsam nach dem Willen Gottes bis zum Tod – ja den Tod am Kreuz. Aber Ihn hat Gott erhöht und ihm den Namen über allen Namen gegeben. Und auch ich bete ihn an. <

Vielleicht ja so hat damals jemand seinen christlichen Glauben bekannt. Oder einfacher nur gesagt: Jesus ist der Christus. Oder auch: Jesus ist mein HERR – in Großbuchstaben ge-schrieben, damit in diesem HERR der Gottesname aufleuchtet.

Und vielleicht hat solch ein Reicher nach solchem Glaubens-bekenntnis noch hinzugefügt: „Ich habe das Gefühl, dass du neidisch bist, weil Gott mich gesegnet hat …“

Die Spannung, die da in der Luft liegt, ja die zwischen diesen und jenen Christen und Gliedern der Gemeinde ist, die spüren wir und es fühlt sich unerträglich an.

Jakobus wagt nun zu schreiben oder eben zu sagen:

            Text  Jak. 2, 14-26  lesen

Sehr gewagte Sätze: dein Glaube ist tot, wenn er nicht Barm-herzigkeit tut. Dass dabei Abraham ein Beispiel und Vorbild ist, liegt nahe. Dass die Hure Rahab da auch genannt wird, überrascht vielleicht. Und vor diesen beiden steht der frierende oder hungernde Mitmensch, dem man keine frommen Worte, sondern Kleidung und Nahrung geben soll. Rühme dich also nicht deines Glaubens, wenn du diese Nächstenliebe vermissen lässt; wenn du nicht bereit bist zu helfen, ja dich aufzuopfern!

Naja, das alles – der Brief und seine Situation und die Argu-mentation – liegt gute 1.900 Jahre zurück. Und Martin Luther konnte mit diesem Brief nicht viel anfangen, weil in seiner Zeit das Vertrauen in Gott wie zersetzt war durch religiöse Vollzüge und käufliche Versprechen in den Ablassbriefen. Gottes Liebe war für Geld zu haben...

Da war es doch eine befreiende Entdeckung Luthers: Gott sieht mich in Jesus Christus freundlich an und schenkt Verge­bung. Allein darauf will ich mich verlassen. Und wunderbar: da bin ich nicht länger mit meiner Heilssuche beschäftigt und bin frei, mich meinem Nächsten liebevoll zuzuwenden - einer­seits darin, dass ich das Evangelium weitersage und in die Go­teskindschaft einlade; andererseits darin, dass ich für Bedürfti­ge Hilfe schaffe. Bekannt geworden ist der Leisniger Kasten als Solidarkasse für Bedürftige in dem Städtchen Leisnig.

Paul Speratus, ein Zeitgenosse Luthers, hat gegen den Vor-wurf, dass die Evangelischen nur glauben und ihr Glaube ohne Werke bleibe im Lied geschrieben: EG 342, 1+6+7 (lesen)

Ups – bei Jakobus lesen wir: (2,25) „Die Hure Rahab, ist sie nicht durch Werke gerecht geworden …?“

Abgesehen vom konkreten Beispiel treffen sich Jakobus und Speratus, „dass der Glaube ohne Werke tot ist.“

Speratus und Luther – das war vor rund 500 Jahren. Unsere Welt heute ist „anders verrückt“ - wie eingangs beschrieben.

Aber um Glauben geht es noch immer – und auch um Werke. Wir reden eher von den Konsequenzen, die sich aus unserem Christsein mit der biblischen Botschaft ergeben.

Ein paar Beispiele: Es gibt preiswerte Grabsteine, an denen freilich Kinderarbeit klebt. Das sieht man nicht, das weiß man nur und das soll es auf unseren Friedhöfen nicht geben. Die einen sagen: damit helfen die Kinder zum Familienunterhalt und dem Wohlstand vor Ort. Und andere, z.B. unsere Landes-kirche, sagen: das ist Ausbeutung. Das soll um Gottes Willen nicht sein. Tja, und dann sollen die Leute mehr Geld bezahlen für Grabsteine, die nicht mal so schön sind …

Für die ersten Christen war klar: Jesus lebte gewaltfrei - also können wir nicht Soldaten sein. Der hl. Sebastian ist ein be-rühmter Kriegsdienstverweigerer. Das kippte dann mit Kaiser Konstantin, der im Zeichen des Kreuzes Jesu siegreich gegen seine Kontrahenden kämpfte, und dann christlicher Glaube zur Staatsreligion und Ideologie im Römischen Reich wurde. Endlich waren die Christenverfolgungen vorbei und für den christlichen Kaiser war Kriegsdienst okay, und die Waffen wurden gegen Andersgläubige gerichtet. Eine fatale Wende.

Martin Luther bezeichnete das als die babylonische Gefangen-schaft der Kirche. Sein Beitrag zur Befreiung daraus liegt darin, dass er kirchliche und weltliche Macht unterschied und trennte: in Sachen Glauben darf keine Gewalt sein – nur das Wort und das Gewissen. Aber auf der weltlichen Seite gibt es freilich das Gewaltmonopol der Obrigkeit, heute des Staates, und im Dienste dessen ist auch ein Soldat im seligen Stande, wie Luther einst schrieb.

Erst nach dem 2. Weltkrieg sagte der Ökumenische Rat der Kirchen bei seiner Gründung 1948 in Amsterdam: Krieg darf nach Gottes willen nicht sein. Und während der atomaren Aufrüstung in den 80-er Jahren waren es vornehmlich nieder-ländische Christen, die die Friedensfrage zur Glaubens- und Bekenntnisfrage machten mit dem „status confessionis“ - will sagen: wenn du Christ bist, kannst du nur gegen atomare Auf-rüstung sein und gegen das „Prinzip der Abschreckung“.

Wo stehen wir da heute?

Wenn Glaube in der Nächstenliebe praktisch wird und sein muss – heißt das dann, dass die Kinder ihre Eltern im Alter Zuhause pflegen? Ich will meinerseits gleich dazu sagen: für meine Tante haben wir das bei zunehmender Demenz als nicht leistbar angesehen und fanden sie im Pflegeheim besser ver-sorgt. Unverzeihlich? Oder zu ihrem Glück?

Nächstenliebe verlangt Klarheit“ - unter diesem Slogan läuft das Engagement in der Landeskirche für Asylsuchende und Flüchtlinge und gegen rechtsextreme Politik. Das ist seit einigen Jahren so. Und es geht wie ein Riss durch die Kirche und Gemeinden zwischen denen, die das als Gebot des Glau-bens verstehen, ohne Frage nach Herkunft und Religion, Rasse oder Klasse Fürsorge zu leisten. Und andere empfinden Ängste oder schütteln den Kopf, fürchten Einbußen oder beobachten Verschwendung, halten sich zurück oder melden sich kritisch.

Gastrecht, Asylrecht, Schutz für Fremde stehen in der Bi-bel ganz hoch. Der Fremde soll dir sein wie dein Bruder.

Dass Integration gar nicht so einfach ist oder auch garnicht gewollt ist, erleben wir freilich auch. Aber dürfen unsere Probleme das eindeutige biblische Gebot „aufweichen“ oder unsere Enttäuschungen es aufheben?

Im Zusammenhang mit dem Bischofsrücktritt kommen auch diese Themen vor: Schwangerschaftsabbruch: Was kann er-laubt und was soll verboten sein? Darf ich, ja muss ich von einer schwangeren Frau erwarten, ein Kind auszutragen unab-hängig von allen Umständen der Empfängnis, oder ist es das verpflichtende Beratungsgespräch, das es zusammenbringt: unbedingten Schutz des Lebens und die Selbstbestimmung der Frau (die geschichtlich gesehen so lange auch noch nicht be-achtet wird). Oder ist die Frau „schuldig“, wenn sie doch schwanger ist? Ich kann das als Mann vielleicht leicht beant-worten, aber werde ich dieser und jener Frau gerecht? Und die Frage ist doch einfach: Wer trägt die Last? Was ist dabei von mir gefordert und was von anderen?

Und was ebenfalls zur Debatte steht, ist das Thema Rechtsex-tremismus. Geht das Kirche was an? Ist das nicht eine Sache des Verfassungsschutzes? Oder haben wir als Christen und Kirche eine direkte Mitverantwortung, weil es um Menschen-rechte und Menschenwürde geht, und weil Antisemitismus endlich, endlich aufhören muss. Null Toleranz! Übrigens: diese Null Toleranz! fordert nichts von den Opfern, aber alles von Tätern und mir. Und das ist sehr anspruchsvoll oder ich empfinde es als Überforderung. Dabei geht es nur um volle Menschlichkeit – und das muss doch erwartet werden. Und ja, da soll Klarheit sein und kein Wischiwaschi …

Auf der Liste der Streitthemen steht auch Homosexualität – jedenfalls in der Presse und in Leserbriefen ist das wichtig. In der Petition an den Landesbischof ging es darum nicht, son-dern allein um die Frage nach der Vereinbarkeit von biblisch-christlichem Bekenntnis und persönlich-politischer Überzeu-gung. Und da haben wir jetzt unseren innerkirchlichen Salat. Und mein Wunsch wäre: Sachlichkeit und Argumente, weil wir uns anders nicht verständigen können, sondern nur Vorwürfe an den Kopf werfen. Das ist tödlich …

Stellen wir uns mal vor: Jakobus hört von uns und unseren Dilemmata. Was er wohl schreiben würde – diesmal von Ja-kobus an die Ev.-Luth. Kirche in Thalheim und in Sachsen?

Ich vermute, er würde dabei bleiben und sagen: Glaube ist und wird lebendig in der Nächstenliebe. Und vielleicht wür-de Jakobus anfügen: Was keine Nächstenliebe ist, das wisst ihr längst selber – das lasst und lebt die Liebe.

Amen.

Fürbitte: (mit Kyrie EG 178.9)

Vater im Himmel, wir danken dir für dein Reden zu uns in Jesus Christus und durch das Zeugnis der Bibel. Wir fürchten die Konse-quenz, wenn wir so kompromisslos lieben, wie wir es an Jesus Christus sehen. Und doch liegt darin das Leben. Hilf uns lieben, Herr, dich und unsere Nächsten wie uns selbst, wie du uns liebst.  Dir singen wir:

Jesus Christus, dir befehlen wir das vollendete Leben von Eckhard Kautzner, 67 Jahre alt, und Ursula Keller, 81 Jahre alt. Hab Dank für allen Segen, Bewahrung und Führung. Lass sie ruhen in deinem Frieden und erfülle mit Frieden, die in Trauer sind. Dir singen wir:

Heiliger Geist, wir beten für unsere Gemeinde und bitten, dass wir auch bei unterschiedlicher Meinung miteinander unterwegs bleiben.

Wir beten für unsere Kirche, die Kirchenleitung, Landesbischof Dr. Rentzing, die verschiedenen Petitionsunterzeichner, die Enttäuschten, Aufgebrachten, Wütenden. HERR, du weißt um die offenen Fragen. Hilf, dass wir bei dem, was wir denken, sagen und tun liebevoll sind. Dir singen wir:

Vater im Himmel, wir danken dir für das diamantene Hochzeitsfest  von Christine und Klaus Hartenstein. Was sie in ihrer Ehe erfahren durften, das lass auch uns zur Erfahrung werden: dass du es wohl-machst. Hilf uns, dass wir uns dir anvertrauen. Dir singen wir:

Jesus Christus, sei du das Licht in der Dunkelheit bei Kranken oder Sterbenden, Einsamen oder Verzweifelten,Suchenden und  Glückli-chen, in deiner Kirche wie in der Welt. Dir singen wir:

Heiliger Geist, wecke bei den Herrschenden, Politikern, Verantwort-lichen wie bei allen Menschen Gedanken des Friedens, Schritte zur Versöhnung, Türen zu Gerechtigkeit, Bereitschaft zur Bewahrung der Erde. Führe uns heraus aus Lethargie und Selbstsucht, Gier und Ängstlichkeit. Hilf uns zu Wahrhaftigkeit.