predigtHesekiel. 2, 1-10

Ich bin ja nun nicht Hesekiel, oder Ezechiel oder wie immer wir den Namen aussprechen … und es ist halt seine Geschich-te der Berufung zum Propheten in Israel vor mehr als 2500 Jahren. Lange her, weit weg, und jemand anderes. Und das Interesse an der Biographie dieses Propheten hält sich doch auch in Grenzen. Oder ist dessen Geschichte aufgeschrieben und mit seinen Worten überliefert, damit ich etwas lerne? Mir vielleicht ein Licht aufgeht? Nun, dann möchte ich guter Bo-den sein für diese Berufungsgeschichte – nicht steinig, sondern lockerer Boden; nicht vom Gestrüpp überwuchert, sondern frei für Sonne und Regen und Wind; nicht festgetrampelt, sondern offen. Könnte es doch sein, dass mich Gottes Ruf und Wort betrifft …

Der Priester Hesekiel gehört zu den aus Jerusalem nach Baby-lon in die Gefangenschaft gebrachten Leuten. Fünf Jahre schon sind sie hier. Deprimiert. Da macht Hesekiel eine sonderbare Erfahrung: er hat eine Vision Gottes. Ein ganzes Kapital lang wird beschrieben, was Hesekiel da geschaut hat. Er nennt es die Herrlichkeit Gottes: Licht und Glanz und Stärke und Kraft, ziemlich unheimlich und wunderbar und überwältigend.

Es haut Hesekiel um – oder wirft er sich zu Boden, weil diese Erscheinung „nicht auszuhalten“ ist. Dann hört er Worte.

Liebe Gemeinde: am Anfang steht die Gottesoffenbarung und für Hesekiel die Gotteserfahrung.

Naja, manche werden vielleicht sagen: er hat zu lange in der Sonne gesessen; andere vielleicht: jetzt dreht er durch; wieder andere halten ihn für größenwahnsinnig von wegen „Gott se-hen“. Ob wir Hesekiel glauben? Und dem, was er dann später sagen wird, auch Glauben schenken und es annehmen als ein Wort von Gott, das ins Leben ruft; sollte es ein Gerichtswort sein, würde unsere Umkehr auf Gottes Erbarmen treffen und zum Leben führen.

Dem Reden des Hesekiel ist nicht gerade Erfolg beschieden. Gott kündigt seinem Propheten nämlich an: sie werden dich nicht hören, weil sich mich nicht hören wollen.

Na – so weit weg klingt das alles nicht, sondern trifft für mich, für uns, für unsere Zeit und Welt. Krass gesagt; zu Weihnach-ten passt Gott mit hin, aber den Rest des Jahres gelten andere Prioritäten. Es gibt für sehr viele – uns natürlich ausgenom-men – wichtigeres als Gottesdienstfeier, Gottes Wort, Kirche.

Da wir ja das Gleichnis Jesu vorhin auch gehört haben, geht es also nicht „um die anderen“, sondern um mich: höre ich?

Als erstes richtete Gott Hesekiel auf – stellt ihn auf die Beine. Das Reden Gottes – das Gotteswort richtet auf. Und dann redet Gott von Angesicht zu Angesicht, auf Augenhöhe, und nicht von oben herab. Wie großartig: Gott kommt herab und richtet den Menschen auf und redet auf Augenhöhe.

Ich muss da schon auch an die Jesusgeschichte denken und wie Gott in und durch Jesus auf Augenhöhe mit uns spricht.

Und dann soll Hesekiel die Schriftrolle essen. Er muss das ganze Weh und Ach und alles Klagen runterschlucken.

Was Hesekiel den Leuten einmal sagen wird, das ist durch ihn hindurch gegangen, hat ihm wohl schon mal den Magen umge-dreht und Mitgefühl geweckt. Kein Weitersagen von etwas, was mir zu Ohren gekommen ist, sondern aus existentieller Betroffenheit.

Interessanterweise stellt Hesekiel beim Essen fest: das geht runter wie Honig; das schmeckt süß.

Wie, das bittere Weh und Ach und Klagen Gottes schmeckt süß? Wohl nur, wenn es eben Worte zum Leben sind; Worte, die aus der Selbsttäuschung befreien; Worte, die uns Gott er-innern; Worte, die falsches Denken, Reden und Tun als solches auch entlarven; Worte, die an mein Menschsein erinnern, all die Begrenztheiten eingeschlossen; und die doch auch an Men-schenwürde erinnern für mich wie für alle anderen. Worte, die an Gerechtigkeit erinnern und zum Frieden mahnen, die für Barmherzigkeit werben wie um Glauben für das Wort Gottes als dem Wort zum Leben.

Ihr Lieben, was machen wir angesichts von Klage, Ach und Weh?

Wir sollten dabei bleiben und Gottesdienst feiern, wie Heseki-el das wohl am Fluss tat, weil der Tempel weit weg und zer-stört war und die Synagoge noch nicht gebaut. Klingt also et-was nach Improvisation angesichts der Gefangenschaft. Aber dabei schaut Hesekiel Gott und hört Gottes Wort für sein Le-ben und seine Zeit und Welt. Wir, ja niemand macht dabei die Begegnung mit Gott oder zaubert die Offenbarung Gottes herbei – das geschieht durch kommen, sei es dankend oder klagend; und durch suchen und sich auseinandersetzen und sich dem Wort Gottes aussetzen. Die Beschreibung des Hese-kiel mag uns skurril erscheinen, aber was er sagen, will ist: ich habs geschaut, dass Gott Gott ist, da ist, zu uns spricht.

Was sollten wir noch? Klage, Weh und Ach an uns ran lassen.

Wenn es uns dabei den Magen umdreht, spüren wir, wie schlecht es dem anderen geht; oder wenn es uns im Magen liegt, wie schwer jemand daran trägt.

Das Süße dabei bei dieser bitteren Kost? Ich sage es mit einem Jesuswort aus dem Johannesevangelium: Ihr werdet die Wahr-heit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.

Wie z.B.: Vergebung kann es erst geben, wenn jemand sein Tun als seine Schuld eingesteht und angesichts dessen um Vergebung bittet. Bittere Wahrheit, aus der heraus Befreiung zum Leben werden kann.

Was sollten wir vielleicht tun? Ich habe die Ideen der Berliner Verkehrssenatorin für eine mobile grüne Stadt gelesen und fin-de das klasse. Das zu tun kostet nun Mühe und Geld. Oder hal-te ich anderes für mich für besser?

Und, dass Tempo 130 als Höchstgeschwindigkeit auf unseren Autobahnen auch im Bundesrat durchgefallen ist, obwohl wir wissen, dass sich die Gefahr für Mensch und Umwelt mit zu-nehmender Geschwindigkeit potenziert und die Begrenzung Leben rettet. Wer oder was ist da „unser Gott“ oder „woran hängt da unser Herz“?

Klage, Weh und Ach in Syrien und Afghanistan, Jemen und Somalia und ach wie vielen Orten noch – aber mit seinen Rüstungsexporten verdient auch Deutschland ganz gut, dabei ist die biblische Botschaft eine Botschaft von Gerechtigkeit und Frieden.

Nun geht es nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen – zeigen doch mindestens drei dabei zurück auf mich, sondern zu hören und das eigene Leben „guter Boden“ sein zu lassen und als Hörer des Wortes auch Täter zu sein.

Hesekiel scheint ja doch Prophet wider Willen. Er hat sich das nicht gesucht und ernten würde er nichts als Widerspruch.

Ihr Lieben, wenn wir Gottesdienst feiern, sind wir Hörer des Wortes und fällt der Same doch auf uns. Propheten sagen, was los ist, als die Intervention Gottes zu Gunsten unserer Umkehr und damit zu Gunsten des Lebens.

Auch heute: wer will das hören?

Wir sollten es dennoch sagen, damit durch Wahrheit Freiheit wird. Wir können auch schon „Umkehr“ leben – aus der Abendmahlsfeier heraus im Lebensalltag; vor Gott im ge-schwisterlichen Miteinander. Da muss man auch nicht warten, bis irgendwas geschehen sein möge – das geht hier und jetzt.

Amen.

Zur Fürbitte – 16.2.2020

HERR, wir denken an die bevorstehende Wahl ins Bischofs-amt unserer Landeskirche. Schenke den  zu Wählenden Wahrhaftigkeit in ihrer Präsentation, und den wählenden Landessynodalen Mut und Klarheit für die Entscheidung.

Wir bitten, HERR, für die kommende Wahl zur Landessynode. Danke für die Frauen und Männer, die sich zur Kandidatur bereit erklärt haben, um als Repräsentanten aus den Gemein-den die Geschicke unserer Landeskirche zu beraten und unsere Kirchengesetze zu beschließen.

Gib den Kirchvorsteherinnen und Kirchvorstehern Klarheit, wem sie ihre Stimme geben mögen, weil deren Persönlichkeit und Begabung in der Verantwortung besonders geeignet erscheint.

Wir beten für den synodalen Weg unserer römisch-katholischen Geschwister. Im Ringen um Tradition und Aufbruch, um neue Wege aus verzwickten Situationen und um Einheit als Kirche schenke du deinen Geist, der alles neue macht und in alle Wahrheit leitet und bei Jesus Christus hält.