predigtLukas zum schreibt zum Pfingstfest:  Apg. 2, 1-18

Welch ein Ereignis – und das für alle Beteiligten! Ich stelle mir mal so vor: genau das passiert in jeder Gottesdienstfeier. Eine religiöse Veranstaltung aus Tradition gibt den Rahmen ab, wie in der Pfingstgeschichte das Opfer der ersten Früchte, und wird durch das Wehen des Geistes und dem „ergriffen werden“ zum Ereignis.

Auch unsere Gottesdienstfeier hat ihren rituellen Rahmen – in Coronazeiten etwas „eingekürzt“. Und es hat seinen guten Sinn, wo und wenn dieser Ritus oder gar die Erfüllung des Gesetzes in und mit Liebe getan wird. Also nichts wird abgelöst oder negativ bewertet, sondern allein die Jesus-geschichte wird „gedeutet“ als die Zuwendung Gottes zu allen Menschen und deren Berufung in die Gotteskindschaft. Und das löst Bewegung aus: das Reden der Jünger; Herzensbewegung bei den Hörern; auch der Spott und Ablehnung dieser Botschaft gehören dazu. Und diese innere Bewegung und Berufung führt zur sichtbaren, zeugnishaften Handlung des „von neuem geboren werden“ mit der Taufe. 

In den Tagen des „Wochenfestes“ ist ohnehin viel los im Jerusalemer Tempel – mit der Jesusbotschaft als Christuszeugnis erfährt es zusätzliche Dynamik und entfacht einen Aufbruch.

Wir halten fest: Kirche ist Ereignis!

Unsere oder auch die Institution „Kirche“ ist ja nur insofern Kirche, als sie teilhat an diesem Ereignis des Glaubens durch den Heiligen Geist. Unsere (wie auch immer) „traditionelle“ Gottesdienstfeier hat ihren guten Sinn, wenn wir Gottesdienst mit Liebe feiern und gestalten. Aber bleiben wir dabei empfänglich, dass der Geist bewegt, dass wir tanzen oder emotional bewegt sind; dass uns ein Licht aufgeht und es uns ins Herz geht, dass Festbesucher und Fernstehende ganz dazugehören möchten; dass es tumultartig werden kann im Ringen um Wahrheit und gerade dann das Hören auf das, was uns als Worte von Gott bekannt ist (die Verheißung durch den Propheten Joel z.B.), wichtig ist. Das Wehen des Geistes Gottes verbindet sich mit dem Bezeugen und mit dem gemeinsamen Hören und führt zum Verstehen.

In der Kirche also, die von Pfingsten herkommt und durch den wie im Geist lebt, da passiert was; da fängt die Liebe Feuer.

Welch eine beeindruckende Geschichte – die vom überraschenden Werden von Kirche erzählt, die uns geradezu neidisch macht, die vielleicht auch Angst macht…

Und seither ist alles Spontane geisterfüllt – wer seine Worte aufschreibt, wie ich zumeist, da ist nur noch Menschengeist übrig. Oder kann eine solche Ansicht schon deshalb nicht stimmen, weil auch unser Bibelbuch von Menschen aufgeschriebene Worte sind, die wir doch wohl als vom Heiligen Geist erfüllt verstehen? Geistesblitze schön und gut – ein roter Faden oder hoffentlich schlüssige Gedanken – darin kann sich Gottes Geist ebenso unserem Geist mitteilen. Denn eine andere Antenne haben wir nicht. Auch unsere Erfahrungen, die wir Erfahrung mit Gott nennen und sei es wie jenes Brausen vom Himmel im Tempel in Jerusalem, sind gedeutet und „verstanden“ durch unseren Geist; die überwältigenden Gefühle, Mut zu reden, begeistertes wie begeisterndes Bekennen – wir „verstehen“ und deuten unsere Gefühle durch unseren Geist.

Nur ist eben nicht die Vernunft das Maß des Möglichen, sondern sprechen wir vernünftig von dem, was höher ist als alle Vernunft, nämlich Gott. Und wir verhaspeln uns in unserer Begrifflichkeit, weil sie mitunter nur im Widerspruch gegen sich selbst in der Lage ist, von Gott zu reden. Ich denke da an Begriffe wie Allmacht und Ewigkeit und Dreieinigkeit – und wenn wir über den allmächtigen Gott rätseln, der sich der von ihm gewollten menschlichen Freiheit aussetzt. Der Apostel Paulus fasst es mal in die Worte: „Gottes Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gotteskinder sind.“ (Röm.8,16)

Ja, diese beeindruckende Geschichte:

Unsere Strukturdebatten in der Kirche und mitunter die öffentliche Wahrnehmung von Kirche – z.B. wie relevant sie sei für unsere Tage und in der Corona-Krise – hat den Beigeschmack der sinkenden Zahlen. Damit verbinden sich: weniger finanzielle Mittel und auch Veränderungen im Gemeindeleben. Und ich denke, wir müssen mitunter entscheiden zwischen dem Traum von Kirche, wie ihn die frühere Synodalpräsidentin Gudrun Lindner formuliert: „jeden Sonntag in jeder Kirche Gottesdienstfeier zur festen Zeit mit ausgebildetem Personal“ (siehe Pfingstausgabe des „Sonntag“), und dem, was wir für uns und unsere Mitmenschen als schöne Gottesdienste erleben und sinnvoll gestalten können.

Und da nun wird gelegentlich direkt oder hintergründig entgegen gehalten: Schau mal – Pfingsten: 3.000 Getaufte an einem Tag. Und ich erblasse, wie wenige ich in „meinen Dienstjahren“ getauft habe (und wie viele Taufen frühere Pfarrergenerationen noch hatten); mit welch inhaltlich-organisatorischem Aufwand wir heute Taufen vorbereiten und wie ausschließlich spontan es damals war und irgendwie noch ganz ohne Paragraphen einer Taufordnung. Ein ähnlicher Unterschied zeigte sich, als wir seinerzeit in der Landessynode mit einer neuen Tauf-ordnung befasst waren, weil manches in der Taufordnung von 1953 so nicht mehr passte. Ein Gast von den böhmischen Brüdern sagte, als wir von der Ausschusssitzung zum Essen gingen: „Bei uns steht: Wir taufen nach dem Zeugnis des Neuen Testaments.“ So knapp ist es bei uns nicht geworden … 

Ja, diese beeindruckende Pfingstgeschichte:

Da ist noch das Sprachenwunder. Jede und jeder hört das Evangelium „in seiner Sprache“. 

Das heißt doch: Gott gibt sich hinein in unsere menschlich-persönlichen Beschränktheiten bzw. Verstehensmöglichkeiten. Gott regt sich offenbar nicht auf über unsere kulturelle Vielfalt, sondern äußert sich in ihnen wie durch sie.

Das also könnte notwendig sein auch in unseren Tagen und wenn wir aus der Pfingsterzählung des Lukas etwas lernen, dass wir die Sprache der anderen sprechen. Und da ist auch Thalheim vielsprachig und multi-kulti. Keine Person und kein Stil erreicht alle oder entspricht allen. Da gibt es permanent Defizit. Oder eben: die Vielfalt des Leibes Christi, genannt Kirche, kann dem entsprechen, in dem wir, Feuer gefangen von dem einen Geist, uns den Menschen zuwenden in eben diesem einen Geist und sie in die Gemeinschaft dieses Geistes einladen, indem wir ihnen von Jesus erzählen. Erzählen also, was ich von Jesus weiß und was er und seine Botschaft mir bedeutet. Und wo dieses Zeugnis Glauben findet, wird es zur Taufe führen – so wird es uns doch vom Pfingstereignis von Lukas erzählt.

Abschließend möchte ich gerne 2 Lebenszeugnisse weitergeben – von einem habe ich gelesen; das andere wurde mir kürzlich erzählt:

Zunächst Derek Black, 27 Jahre alt, Student am New College in Florida. Er ist in einer rassistisch gesinnten Familie aufgewachsen und weil seine Eltern Lehrer mit dunklerer Hautfarbe nicht mochten, haben sie ihn selbst unterrichtet. Und er stieg in die Fußtapfen seines Vaters, der im Klu-Klux-Clan eine führende Rolle spielte, und gründete eine Radiosendung für seine rechte Ideologie und packte Country-Musik dazu, um damit mehr Menschen erreichen zu können.

Am New College traf er nun auf Latinos und Schwarze und Menschen unterschiedlichen Glaubens. Ein netter Kerl, der er war, fand er viele Freunde – und machte zugleich seine Sendung weiter, bis – ja bis jemand mal seinen Namen googelte und „die dunkle Seite“ dieses Derek herausfand. Man forderte öffentlich seinen Rausschmiss aus der Uni, denn eine solche Geisteshaltung war unvereinbar mit dem Geist des New College.

Nun gab es einen jüdischen Studenten, der Derek zur Sabbat-feier einlud mit dem Gedanken: wenn er schon solch ein Rassist ist, soll er wenigstens einmal mit einem Juden am Tisch gesessen haben. Derek, der sozusagen nichts mehr zu verlieren hatte, nahm die Einladung an. Politische Themen blieben außen vor und man fand einander sympathisch und Derek kam die Woche drauf wieder, und wieder und darüber brach seine rechte, rassistische Gesinnung in sich zusammen und er sagt sich öffentlich davon los und entlarvt nun als Insider das System, in dem er selber gefangen war.

Davon habe ich gelesen und dachte: das muss ich weitererzählen als eine Pfingstgeschichte.

Meine zweite Geschichte:

Erkrankt an MS lebt Petra Günther seit einigen Jahren im Thalheimblick. Bei meinem Besuch letzte Woche erzählte sie von einer Pfingsterfahrung mitten in dem Corona-lock-down. Sie hat Evangeliumsrundfunk gehört und da ging es um das Gleichnis vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle.

In beiden Fällen gibt der Finder alles dran, um diesen Schatz, diese Perle zu haben.

Bedrückt von ihrer schleichend zunehmenden Erkrankung und bedrückt vom Abgeschnittensein von Familienbesuchen hat sie dieses biblische Gleichnis so sehr angesprochen, dass sie wie jener Landarbeiter bzw. Perlenhändler sich auf das eine konzentrierte: das ist mein Schatz – Jesus Christus. Und diesen Schatz habe ich im Glauben.

Und ihr glaubt nicht, wie fröhlich und begeistert sie mir davon erzählt hat und wie viel Lebensfreude es in ihr geweckt hat.

Sie nannte es ein Segen in der Coronazeit. 

Naja, da sind nun die „Abers“ auch in mir selber – aber ich lasse es besser so stehen und mich anrühren und dankbar hören und sehen: Gottes Geist erweckt zum Leben und stiftet diese eine weltweite Gemeinschaft, die in kultureller Vielfalt durch und in dem einen Geist lebendig ist. In vielfältigster Weise erzählen dann die persönlichen Geschichten davon, wie das eigene Leben durch diesen Geist „neu“ geworden ist. Im Hören der Pfingstgeschichte möge es für uns Pfingsten werden, weil Gottes Geist uns anspricht, belebt, neu macht. 

Amen.

Fürbitte:

Wir danken dir, HERR, für deinen Geist, der uns Leben schenkt, uns atmen lässt, uns Jesus, den Gekreuzigten als Christus offenbart und uns dein Heil zeigt als Einladung an alle Menschen.

Wir danken dir, HERR, für die Kirche als die Gemeinschaft der Kinder Gottes gleich welcher Herkunft, Kultur und Identität, und beten für ihre Einheit bei aller vorhandenen Vielfalt. Hilf uns durch deinen Geist, Christus in der Sprache der anderen ihnen zu bezeugen, auch und besonders in unserer Stadt.

Wir beten, HERR, für Menschen, die auf der Suche sind, die enttäuscht sind, die krank sind oder einsam, die sich verrannt haben oder verstrickt sind, die recht haben wollen und andere beherrschen wollen, die Gewalt erleiden oder gewalttätig sind: lass sie in deinem Geist Frieden finden mit ihrem Schicksal wie auch miteinander. Und hilf uns, Friedensstifter zu sein.

Du, HERR, kennst unsere Träume und wonach wir uns sehnen. Hilf uns zu dem einen, dass wir nach deinem Reich trachten und seine Gerechtigkeit suchen. Darum bitten wir mit Jesu Worten: Vater unser …