predigt4. Mose 6, 22-27

Gemeinde,
wir reden von Gott ziemlich kompliziert vom dreieinen Gott.
Jedes Weniger, jede Reduktion sagt zu wenig und macht die Wirklichkeit Gottes zu klein, zu festgelegt, zu berechenbar.

Das Geheimnis „Gott“ – diese unfassbare Wirklichkeit; alles durchdringende Kraft; Herrscher des Himmels und begegnend im Lachen eines Kindes; sprechend in dem zum Leben erweckenden, vergebenden Wort; furchteinflößender Vulkan sanft streichelnder Windhauch; Licht und Liebe – statt allzu kluger Worte ist wohl singend-tanzende Anbetung die angemessene Sprache.

Trinität“, wie wir begrifflich sagen, und was zum Prüfstein christlichen Bekenntnisses geworden ist, diesem Geheimnis „Gott“ wollen wir heute ein wenig nachspüren mit dem aaronitischen Segen.

In unserer Bibel steht dazu folgendes im 4. Mosebuch im 6. Kapitel: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Bekannte Worte, denn diese Worte des Segens sind aus dem Judentum in den christlichen Gottesdienst übernommen worden. Na klar kann man es auch anders sagen, „modernere“ Worte wählen oder den Gottesnamen anders umschreiben als mit HERR. Aber was in diesem dreifachen Segenswort gesagt wird, reicht zum Leben und zum Sterben und zum Frieden.

Ja, es reicht – besser es hilft zum Leben. Denn Leben ist gefährlich: ein falscher Schritt gemacht, ein falscher Pilz gegessen, ein falsches Wort gesagt, eine falsche Entscheidung getroffen, und schon geht ganz viel kaputt oder ist gar alles verloren, verbaut, verbockt. Vielleicht auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder eben trotz aller Vorsicht das Corona-Virus eingefangen. Behütet sein und bewahrt werden, den Versuchungen nicht anheim fallen noch der Tücke böser Menschen. Und so manch einer kennt wohl aus dem Straßenverkehr das „o – nochmal gut gegangen“, auch wenn es nur ein bisschen zu schnell war für die Fahrbahnverhältnisse oder ein Fahrzeug übersehen wurde oder der Abstand doch zu gering oder die Reaktion zu spät kam.

Eltern und Großeltern machen sich Sorgen über erwachsen werdende Kinder bzw. Enkel, mit wem sie Umgang pflegen; ob sie denn persönlich stark genug sein werden für die Herausforderungen oder auch Verlockungen, die ihnen begegnen?

Mir selber zu sagen: „na, es wird schon nichts Schlimmes passieren“, beruhigt nicht wirklich. Angesichts dessen, dass ich jedenfalls nicht beschützen kann, hilft es mir zu glauben: Gott passt auf. Es hilft mir, Vertrauen zu wagen; mich mit der Situation meines nicht helfen und nicht beeinflussen können „abzufinden“ und doch nicht in Panik zu geraten, sondern in meiner Sorge Geborgenheit zu glauben mit der Zusage: Der HERR, behüte dich. Gott passt schon auf.

Naja, und jetzt fallen uns Geschehnisse ein, die tragisch ausgingen und wo wir meinen: schade – da hat Gott wohl nicht aufgepasst oder war zu schwach?

Ich weiß nicht, ob das Bild vom Erzieher mit Aufsichtspflicht für Gott passend ist. Eher passt, denke ich: das Segenswort macht Mut, den Weg zu gehen, den nächsten Schritt zu wagen – eben mit dem Segenswunsch: der HERR behüte dich.

Wenn uns das am Ende des Gottesdienstes zugesprochen wird, nach der Zeit im „geschützten“ Raum und in Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern und, wie wir sagen: in der Gegenwart Gottes; und wohl wissend, dass der Lebensalltag mich leicht überfordert, dann tut es doch gut zu hören: der HERR behüte dich. Das reicht – das hilft zum Leben.

Und das reicht zum Sterben? Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Wir kommen ja doch nicht ungeschoren durch das Leben. Wer aus lauter Angst nichts tut, macht nur das eine falsch, dass er nichts tut. Unsere Gedanken, Worte und das Tun; Versagen und Versäumnisse; lieblose Reaktionen – sie belasten uns und klagen an. Und Gott wird unbestechlich fragen und wissen. Nicht erwischt worden zu sein, hilft da nicht mehr – alles liegt schonungslos offen da.

Das Segenswort sagt mir zu: Gott schaut dich freundlich an. Gottes Augen leuchten, weil er dich als sein Kind sieht. Er wird nichts schön reden, was eben nicht gut war und ist – aber Gottes Gnade wird gegen die Anklage aufleuchten. Es gibt Erbarmen statt erbarmungsloser Abrechnung. Könnte das etwas sein für getröstetes Sterben, dass ich mich ja doch in Gottes Hand fallen lassen kann und in Gottes gerechtem Gericht Vergebung erwarten darf. „Wir sind Bettler, das ist wahr“ – so werden uns Martin Luthers letzte Worte überliefert. Als ein solcher Bettler vertraute Luther dem Gnadenzuspruch Gottes, wie er im Evangelium von Jesus Christus zur Sprache kommt – eben um Christi willen. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig – ein Segenswort, das zum Sterben hilf.

Und es ist ein Wort zum Frieden: Der HERR hebe sein Angesicht über (auf) dich und gebe dir Frieden.

Was schwebt über mir? Was liegt vor mir? Wessen bin ich ausgeliefert?

Im Segenswort der Friedenswunsch – Schalom. Wohlergehen für den Leib, Wohlbefinden für die Seele, Ruhe für den Geist; zufrieden auf der Gartenbank sitzen und die Zeit genießen – Schokolade knabbern und Rotwein trinken und vielleicht dem Spiel der Kinder, Enkel oder Urenkel zuschauen.

Natürlich wissen wir nicht, was morgen sein wird – aber das macht keine Angst, denn das Leben ruht in Gottes Hand und es ist eingebettet in ein soziales Miteinander, in dem ich mein Leben wahrgenommen finde und ich beachtet bin. Ein Friede, der mein Leben umfängt wie auch mein Sterben und die Ewigkeit.

Tja – und was nun hat dieser aaronitische Segen, weil der Priester Aaron und seine Söhne diese Segensworte auf das Volk legen sollen, mit Trinitatis zu tun und dem dreieinen Gott, wie Christen bekennen?

Naja, es ist ein dreigliedriges Segenswort, dem ich Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist zuordnen kann. Aber die „Denkfigur“ des dreieinen Gottes stammt aus frühchristlicher Zeit und hat insbesondere damit zu tun, dass Jesus von Nazareth der zur Rechten Gottes sitzende HERR ist und angebetet wird und also doch Gott sein muss, weil nur Gott Anbetung gebührt.

Meines Erachtens aber bedarf es keines trinitarischen Gottesverständnisses um das aaronitische Segenswort zu verstehen. Es ist auch nicht in diesem Denken formuliert.

Was kann es uns also beitragen zum trinitarischen Gottesverständnis, wenn wir dieses Bibelwort am Sonntag Trinitatis bedenken?

Zunächst eine Bitte: lasst alttestamentliche Texte im alttestamentlichen Kontext stehen, statt sie in das christliche Gottesbild zu „zwingen“. Solche Texte wollen und sollten christliches Verständnis nicht rechtfertigen, zumal es im jüdischen Verständnis von Gott nicht so gesehen wird. Also: der dreigliedrige aaronitische Segensspruch ist kein Beleg für ein trinitarisches Gottesverständnis im Alten Testament!

Sodann eine Einsicht: mein Leben kann geborgen sein unter den Augen Gottes, in seiner Gnade, in Gottes Frieden.

Und: ein Danke für ein wunderbares Segenswort. 

Amen.

Gebet:

HERR, unser Gott, Grund und Ursprung allen Seins;
Vater Jesu Christi und durch ihn auch unser Vater im Himmel;
Geist, der in uns wirkt und durch uns und mit uns geht,
danke für deinen Segenszuspruch;
danke für Bewahrung, für Erbarmen und Frieden.

Wir wünschen es uns, dass wir bewahrt bleiben und bitten um die Erfahrung deiner Nähe für Menschen in Not – sei es in Krankheit, Lebensgefahr, Krieg, Einsamkeit oder Leid. 
Bewahre uns und andere, HERR, wenn wir unterwegs sind und auf unserem Lebensweg.

Wir bitten, HERR, um dein Erbarmen, weil auch wir schuldig geworden sind, und weil wir gerne Gutes tun möchten unseren Mitmenschen zuliebe und nicht aus falschem Bemühen, einmal selbstgerecht vor dich zu treten. Vergib uns Herr, wo wir vor dir und aneinander schuldig geworden sind und wo Enttäuschung, Versagen oder Angst unser Verhalten prägen.

Wir danken dir, HERR, für deinen Frieden – deinen Schalom für Leib, Seele und Geist; in unserem Miteinander und im Umgang mit deiner Schöpfung, Unsere Welt sieht so anders aus. Darum bitte, HERR, schenke uns deinen Frieden.
Vor dir, HERR, denken wir in der Stille an Menschen, die uns am Herzen liegen …

Und wie Jesus seine Jünger gelehrt hat, beten wir miteinander für uns und alle Menschen: Vater unser …