predigtEine ganz schön krasse Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Die Einsicht des reichen Mannes kommt zu spät. Und: bei Mose und den Propheten ist schon alles gesagt, was wir hören und tun sollen.

Naja, da wissen auch wir schon alles – wissen sogar noch um die Jesusgeschichte dazu und wollen sicher nicht „zu spät“ Gutes tun, weil es für uns wie für unsere Liebsten nur tragisch ausginge. Die Hölle ist alles andere als Wohlbefinden.

Und wir hören noch eine ganz schön krasse Geschichte aus den Anfängen der Kirche und wie da das Füreinander und Fürsorge organisiert sind.

Lasst uns hören: Apg. 4, 32-37 

Während wir von Zerrissenheit und Fragmentierung in Kirche und Gesellschaft reden, und von Rassismus seit der Aufklärung schlimmer infiziert sind als von irgendwelchen Viren;

und während wir strukturell wie finanziell zukunftstauglich werden möchten und Sicherheiten schaffen, beschreibt uns Lukas aus den Anfängen von Kirche, oder eher noch als „Ideal von Kirche“: man ist „ein Herz und eine Seele“ und es gibt nur eine gemeinsame Kasse – ein Kommunismus wie in einem Kibbuz in Israel.

Wirtschaftliche Ungleichheit, die als Ungerechtigkeit wahrgenommen wird, geht ja auch mit Unfreiheit einher und führt -früher oder später - zum Streik, zur Revolution, oder auch nur zum Dreinschlagen. Aufgestaute Wut wird zerstörerisch. 

Unsere wirtschaftlichen Ungleichheiten werden gerechtfertigt als „Leistungsgerechtigkeit“. Aber dass da manches auch ins Ungleichgewicht geraten ist, war jedenfalls in den Anfängen der Coronazeit schnell offenbar. Aber haben die Lohnangleichungen bisher stattgefunden?

Die Kibbuzim waren die wirtschaftliche wie soziale Überlebensform für den jungen Staat Israel – heute gibt es am ehesten die noch, die von jüdischem Glauben im Inneren zusammengehalten werden und jedenfalls mit mehr individuellem Freiraum klarkommen – scheinbar klarkommen müssen.

Blicke ich auf uns als Kirche und Gemeinde, dann steht persönliche Freiheit auch ganz hoch im Kurs, und wir haben Privatbesitz – viele haben Häuser, bauen Häuser, wünschen sich das eigene Haus auf eigenem Grundstück. Und gelegentlich stellen die Blechkarossen, mit denen wir uns fortbewegen, auch Vermögen dar – meist ein schnell sich verzehrendes. Und unser Leben funktioniert nur mit Bankkonto – Banken sind systemrelevant – und wir erwarten eigene finanzielle Vorsorge fürs Alter oder man möge sich auf Altersarmut einstellen.

Und wir als Gemeinde besitzen Häuser, Feldflächen und Wald. Freilich finanziert das längst nicht mehr die Gemeindearbeit, sondern die Einkommensseite wird wesentlich getragen von Kirchensteuer, Kirchensteuer-Finanzausgleich innerhalb der EKD, Kirchgeld und Spenden bzw. Gemeindekollekten. 

Erbschaften, Schenkungen, Stiftungen - eher „Fehlanzeige“.  Wir leben wesentlich von dem, was wir Jahr für Jahr zusammenlegen und eben „der Kirche“ anvertrauen, wie die ersten Christen in Jerusalem es „den Aposteln zu Füßen legen“. 

Josef, genannt Barnabas aus Zypern wird uns extra genannt. 

Er hatte wohl noch Familienbesitz im „Land der Väter“. Diese Gottesgabe ist eigentlich unverkäuflich und soll im Familienbesitz bleiben als die Gabe Gottes und Erfüllung der Verheißung. Was im christlichen Glaubenmotivierte diesen Leviten Josef, dass er diesen heiligen Grund und Boden veräußerte? Damit für das Leben und Überleben der entstehenden und wachsenden christlichen Gemeinde in Jerusalem beitragen? Ein guter Grund. Oder war es, um sich eine Position innerhalb der Gemeinde quasi zu „erkaufen“ und die Ernsthaftigkeit seines Glaubens „unter Beweis zu stellen“ und dann auch keine Rückzugsmöglichkeit mehr zu haben? 

Letzteres beobachten wir heute bei dem, was wir gerne Sekte nennen, nämlich wirtschaftliche Abhängigkeit der einzelnen Zugehörigen. Freiwillige Hingabe oder sich verkauft?

Josef, genannt Barnabas, hat in der Gemeinde dann Einfluss. Er ist es, der den einstigen Christenverfolger Saulus/Paulus in die Jerusalemer Gemeinde einführt und dann von Antiochia aus mit ihm auf Missionsreise geht. Für einen Wanderapostel wäre Land in Juda eher ein Klotz am Bein? Für Barnabas war es wohl zuerst Zeugnis seines nun christlichen Glaubens.

Die Gemeinden in Kleinasien und Griechenland, die aus der Mission des Paulus erwachsen, folgen schon nicht dem Jerusalemer Modell. Dort stellt man seinen Besitz, zumeist eben das Haus, für die Zusammenkünfte der Gemeinde zur Verfügung.

Die Purpurhändlerin Lydie in Philippi bleibt, wirtschaftlich gesehen, was sie war, und ist Gastgeberin. Und Paulus sammelt in diesen Gemeinden eine Kollekte, die er nach Jerusalem bringt, weil die Gemeinde dort in Not war – weil da wohl nichts mehr zu verkaufen war. 

Im Laufe der Kirchengeschichte gab es immer mal wieder Gruppen, die alles verkauften, weil sie die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi erwarteten – sie bereiteten sich auf das Ende der Welt vor – was sollte da noch Besitz? 

Eine Sonderform des „Besitz aufgeben“ lebt im Mönch- bzw. Nonne-sein fort. Da gehört Besitzlosigkeit = Armut zum Lebens- bzw. Glaubensideal. Freilich ist man „Mitbesitzer“ bzw. eben versorgt durch die Klostergemeinschaft. Die „Bettelorden“ stellen dazu intern eine Kritik dar, wenn der Klosterreichtum das Armutsgelübde „konterkarriert“.

Wie nun: das Bibelwort ist eindeutig. Die christlich-kirchliche Praxis kümmert sich nicht darum, sondern versteht Besitz als Verpflichtung für Almosen, Barmherzigkeit, Suppenküchen, Hilfsfonds, Greenpeace oder Seenotrettung, großzügige Spenden, Sponsor sein. Wir leben mit Besitz statt allen Besitz zu veräußern. Das ist doch unchristlich nach dem, was wir aus der Apostelgeschichte heute hören.

Ich möchte dem aus der Jesusgeschichte zur Seite stellen:

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Was muss ich tun, um ewiges Leben zu gewinnen? Verkaufe, was du hast und gib´s den Armen. Und komm und folge mir nach, sagt Jesus. Der Mann ging traurig weg, er war sehr reich;

Selig ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.

 

Und Martin Luther hat uns gelehrt: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Worauf ruht dein Vertrauen?

Das, liebe Gemeinde, ist wohl die kritische Frage auch an uns.

Tatsächliche Armut ist zuweilen eine alternative Lebensform – ein Zeichen in unserer ökonomisierten Welt.

Tatsächliche Armut ist in vielen Fälle wirtschaftlich, sozial, persönliche Not – vielleicht mit individuellem „Versagen“ einhergehend, viel öfter wohl in Folge struktureller Ungerechtigkeit, gepaart mit Rassismus und Kolonialismus und Ausbeutung, statt sozialer und Lohn-Gerechtigkeit.

Dieser kurze Abschnitt in der Apostelgeschichte hält wach, wie Kirche in einer rigorosen Form das unmittelbare Weltende erwartet. Doch wenn es in Jerusalem um 35 so war, war doch um 55 ungewollt Armut eingezogen und die allgemeine Versorgung der Gemeinde in Schieflage. Das spricht nicht schon gegen dieses Modell der Besitzveräußerung – es nimmt nur die Rahmenbedingungen mit wahr und dass wir, wie wir hier sind, dem Ideal wohl doch nicht ganz entsprechen. Und wer dann die nächste Geschichte liest, erlebt den sofortigen Tod derer, die an dieser Stelle unwahrhaftig handeln.

Und ja, es geht um Leben oder Tod. Woran hängt mein Herz – an Gott oder einem Abgott? Lebe ich aus Gottvertrauen und organisiere das Wirtschaftliche fürsorglich und handle barmherzig, oder muss ich haben für mein Ego: Ich bin Besitz – bin besessen? 

Bist du besessen? Dann gib alles weg und werde frei für das Leben. Hänge dein Herz, dein Leben nicht an Geld, sondern an Jesus Christus. Folge ihm – das verheißt Leben in Ewigkeit.

Und in der Kirche? Wir legen alles zusammen – jedenfalls so viel wir haben und so viel nötig ist, um Not zu wenden und Gutes zu bewirken – Gutes wie die Anstellung von Mitarbeitern oder Orgel bauen oder Spielplatz pflegen. Da ist überall Geld im Spiel und da geht es um vernünftigen Umgang mit Geld und um Mitverantwortung wahrnehmen auch durch Geben.

Und das Armutsideal? Nicht mit diesem Bibelwort. Es soll ja gerade keine Armen geben! Aber Freiheit durch Besitzlosigkeit – komischer Gedanke, denn wir meinen doch: wer viel hat, ist frei und kann sich kaufen. Das scheint ein Irrtum! Besitz ist ein Klotz am Bein – so empfanden es jedenfalls die ersten Christen.

Besitz als Segen Gottes möge uns zu dankbaren und großzügigen Gebern machen. Amen.

Wie es gut gehen kann, davon lasst uns singen.

 

Zur Begrüßung am 14.6.2020

Wenn es von Pfingsten her um Kirche geht, dann war mit Trinitatis Gott das erste Thema. Wir dürfen gespannt sein, was als nächstes kommt. 

Für die Kinder gibt es dazu Bildvorlagen – aber vielleicht solltet ihr die Geschichte dazu erst hören, um die Farbwahl dann zu treffen …

Musikalisch heute zur Orgel (noch elektronisch, weil der großen Orgel noch der Spieltisch fehlt) der Thomas mit der Flöte. Ich vermute mal, die Musik ist wie ein Lockvogel in den Himmel. Und ich denke, dahin will uns die Gottesdienstfeier ohnehin locken. Wobei: der Himmel ist schon hier und jetzt.

Beim Singen bitte die Maske nicht vergessen – oder nicht singen – und die Liedtexte erscheinen an der Leinwand. 

Die Abstandsregel gilt auch noch, auch wenn wir seit gerau-mer Zeit keine Neuinfektionen haben. Vielleicht gibt es auch bei uns bald „neuseeländische Verhältnisse“ – coronafrei …

Und nach der Warnrede die Einladung zum ersten Lied: 

„Ein neuer Tag beginnt und ich freu mich HERR auf dich“.

Gebet / Fürbitte

Jesus Christus, wir leben als Christen und als Gemeinde hier am Ort und mit Eigentum und Besitz. Hilf uns durch deinen Geist und unsere kritische Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft und als Gemeinde heute, dass wir nicht besessen sind vom Haben und Haben wollen, sondern gerne und viel geben, Gemeindeleben möglich machen und Not aus der Welt schaffen.

Wir danken dir, HERR, für Wilfried Lieberwirth und allen Segen in seiner fast 94-jährigen Lebenszeit. Lass ihn schauen, was er glaubte und ruhen in Abrahams Schoß. Tröste durch die Osterhoffnung, die um ihn trauern und lass die Fürsorge in der Familie wie in der Gemeinde für die Seele gelingen.

Wir klagen dir, HERR, Hunger und Not, Gewalt und Krieg, Hass und Rassismus und Ungerechtigkeit in unserer Welt.

Erfüllt von deinem Geist lass uns Menschen sein, die Not lindern, Frieden stiften, Gerechtigkeit aufrichten und die Erde bewahren helfen. 

Weil es gut ist, dass wir einander haben, lass uns mit je unseren Gaben und Talenten dem gemeinsamen Wohl dienen und so für uns selbst Erfüllung erfahren.

Hilf uns, auch seelischen Hunger wahrzunehmen und zu besuchen, zu helfen, heilen, trösten.

Für uns und alle Menschen beten wir zu dir mit den Worten, die Jesus gelehrt hat: Vater unser im Himmel …