predigtApg. 6, 1-7

Wir alle, denke ich, kennen Unzufriedenheit. Manches übergehen wir einfach, anderes nagt an uns – in uns. Manchmal merkt es auch jemand und fragt nach, was denn los ist. Unser Blick, unsere Haltung, unser Ton verrät, dass da was nicht stimmt. 

Mitunter sind mehrere betroffen und es gibt eine „kollektive Unzufriedenheit“. Manche schreiben Leserbriefe, manche lassen bei passender oder unpassender Gelegenheit ihren Unmut raus; manche gehen auf die Straße und äußern ihren Protest – wobei, meist ist es kein pro, sondern eher ein kontra. 

Pegida, AFD und ähnlich gelagerte Gruppen suchen Unzufriedenheit der Bürger auf die politische Tagesordnung zu bringen – Flüchtlinge, Asylsuchende, Zuwanderung ist ihr Thema. Dahinter liegen vielleicht Ängste vor dem Fremden; oder Unzufriedenheit über die eigene wirtschaftliche Situation. Dem „wir schaffen das“ der Bundeskanzlerin vor 5 Jahren folgte das Zupacken der einen und die Verweigerung der anderen.

Die Querdenker und Reichsbürger grummeln über staatliche Corona-Regeln. Dass das Coronavirus durchaus tödliche Wirkung hat und auch vor Ignoranz nicht halt macht, scheinen sie auszublenden.

Solches „Murren“ macht auch vor der Kirche nicht halt – schon lange nicht. Lukas erzählt in der Apostelgeschichte:

Lesen: Apg. 6, 1-7

Witwen sind im gesellschaftlichen Kontext hilfsbedürftig. Die nicht einheimischen Witwen fallen bei der Essensversorgung durch. Die christliche Gemeinde lebt, wie Lukas beschreibt, aus einem gemeinsamen Topf, ohne zu fragen, wer wieviel einzahlt. Der Hunger der Witwen wird laut. Magenknurren wird artikuliert. 

„Halt die Klappe“ – sagen die Gemeindeleiter nicht. Sie nehmen das Murren ernst, sehen die fatale Wirkung, gehen ihm nach, berufen eine Vollversammlung ein, legen das Problem dar und zeigen einen Lösungsvorschlag auf, der dann auch angenommen und umgesetzt wird. Problem gelöst. 

Für manche in der christlichen Tradition wird hier Diakonie begründet oder das Amt eines Diakons in der Kirche – und dass Kirche ohne dieses Amt nicht sein kann. Nun, ich würde mal eher auf den pragmatischen Umgang verweisen; und auf das Problem der Außenwirkung, wenn es im Inneren „grummelt“; und auf das Zusammenklingen eben von Reden und Tun, von Verkündigung und Diakonie. Dabei sehe ich die Apostel mit ihrem: „wir reden und das Essenverteilen können wir nicht auch noch tun“, eher kritisch; oder als Druckargument auf andere, doch auch mitzumachen. 

Es klingt Spezialisierung durch. Das hat ja auch Vorteile und ist notwendig, auch in unserem komplizierten Sozialstaatssystem. Und doch wissen wir: das eine kann ohne das andere nicht sein. Im nächsten Kapitel in der Apostelgeschichte steht eine lange, feurige Rede des Stephanus, der doch als gerade neu eingeführter Diakon sich ums Essen kümmern soll … Also: Wort und Tat müssen zusammen klingen. Alles andere als ein gutes Miteinander – in unserem Fall der Gemeinde mit dem diakonischen Kindergarten und Altenpflegeheim – darf nicht sein, und das ohne dass vergleichbar andere Einrichtungen schlechter gestellt werden, denn es geht um Mitmenschen und Gemeindeglieder – ja es geht um das Evangelium von Jesus Christus, das allen Menschen gilt. Kirche wird erlebbar in der Diakonie – Diakonie ist eine Lebensäußerung von Kirche und man erlebt in einer diakonischen Einrichtung „Kirche“. Kirche sozusagen als Profil der Diakonie.

Wir als Kirche: Aber wir können doch die Probleme nicht lösen. Vermutlich nicht. Aber wir können das „Grummeln“ oder „Murren“ lösungsorientiert ins gemeinsame Gespräch bringen als Fürsprecher für Menschen, deren Stimme sonst übergangen wird oder die nicht für sich selbst sprechen können. Kirche als Anwalt der Schwachen. Das kostet und bringt Ärger. Aber das wär´s doch, wenn wir diese Episode der Urgemeinde für uns ernst nehmen.

Ein Beispiel aus unseren Tagen ist „behindertengerecht“. Natürlich sehen wir Aufwand und Kosten – für die Toilette oder die Auffahrt vor und in der Kirche; und auch wenn es mehr Menschen nutzen, als für die es unmittelbar gebaut ist – es „rechnet sich nicht“. Doch das demokratische Mehrheitsprinzip darf hier nicht gelten, weil die Behinderten – glücklicherweise – keine Mehrheit darstellen. Sie können nur grummeln und brauchen die klare Fürsprache der Gesunden. Also ist Aufmerksamkeit und Empfindsamkeit vonnöten. 

Das lässt sich allgemein von Minderheiten sagen – wie griechisch sprechende Witwen seinerzeit in Jerusalem: Sie brauchen keine Sonderrechte, aber Gleichberechtigung. Das hinzubekommen ist durchaus mühsam, aber tatsächlich alternativlos. Alles andere widerspricht dem Evangelium von Jesus Christus und macht Kirche kaputt – im erzählten Beispiel war die Attraktion der christlichen Gemeinde dahin – kein Zulauf mehr. Das Murren übertönte wohl die Botschaft von der Liebe.

Jesus weist in seiner Botschaft der Liebe darauf hin, das diese Liebe mich selber einschließt; dass sie zugleich den Mitmenschen sieht und dass sie dabei mich wie den anderen vor Gott sieht als geliebte Gotteskinder. Diese Gottesliebe ist aus meiner Sicht zuweilen ärgerlich. Ihr zu folgen, wirkt außerordentlich befriedend, weil Güte und Gerechtigkeit da Hand in Hand gehen. Da ist dann wohl doch kein Grund zum Murren, sondern viel Grund zur Dankbarkeit und Freude; und mein Engagement – vielleicht ja auch im Kirchenvorstand und seinen Leitungs- und Entscheidungsaufgaben – ist eine Segen bringende Weise meines Lebens. Auch Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher kriegen Ärger ab – für die gemeinsam getroffenen Entscheidungen; oder ganz allgemein „wegen der Kirche“.

Nun, dann lasst uns den Ärger ernst nehmen, der Sache nachgehen und sie lösungsorientiert zur Sprache bringen.

Amen.

Fürbitte:

HERR, unser Gott, wir danken dir für die Talente und Begabungen, Engagement und Hingabe, die wir in unserer Gemeinde erleben können. Danke für die Bereitschaft der KV-Kandidatinnen und Kandidaten zur besonderen Verantwortungsübernahme. Hilf uns, mit einer großen Wahlbeteiligung ihnen den Rücken zu stärken.

Lieber Vater im Himmel, wir denken heute besonders an die heimgegangenen: Reiner Gränz, 63 Jahre alt; Hardy Gräbner, 60 Jahre alt, und Anneliese Mierzwa, geb. Lieberwirth, 84 Jahre alt.

Wir möchten dir danken, HERR, für den Segen, der ihre Lebenszeit erfüllt hat und was sie segensreich haben wirken können. Schwere Erkrankungen haben ihr Lebensende begleitet – nun lass sie ruhen in deinem Frieden und schenke Frieden denen, die besonders in Trauer sind als Ehepartner, Familie, Freunde. Hilf uns allen, dass unsere Zeit erfüllt ist von Glaube, Hoffnung und Liebe.

HERR, unser Gott, wir möchten mit wachen Sinnen aufeinander Acht haben und denen Gerechtigkeit zukommen lassen, die unter Umständen benachteiligt oder vergessen werden. Hilf uns Lösungen finden, die befrieden, sei es innerhalb unserer Gemeinde, in unserer Kirche, in unserer Stadt oder auch in der großen Politik. Hilf uns Abstand nehmen von Gewalt, wahrhaftig sein im Reden und Tun.

Wenn es unter uns grummelt, wenn wir das Gemurre wahrnehmen, hilf uns den Ursachen der unguten Gefühle auf den Grund zu gehen, Interessenvertreter der Schwächeren sein, Promotor von Gerechtigkeit und Frieden, kreative Erneuerer. 

Hilf uns Einsame zu besuchen, Kranke und Alte zu pflegen; Zeit für unsere Kinder zu haben und sie zu fördern; auch Zeit für uns selbst zu haben und unseren Problemen nicht davon zu laufen, sondern zu ihrer Lösung vielleicht um Hilfe zu bitten. Denn es ist doch gut, dass wir einander haben.

Für uns und alle Menschen beten wir mit Jesu Worten: 

Vater unser …