predigtNicht einmal Kirchweih kann man in Ruhe feiern – wo wir doch eine so schöne Kirche haben. Wer die Beleuchtung spöttisch Theaterbühne nennt, freut sich trotzdem, wenn er was sieht – sogar mein Gesicht hier auf der Kanzel. Und wer seine Kirchenbank vermisst, vermisst zurzeit vielleicht auch das Kirchenkaffee – oder eben den Plausch miteinander; jemandem sagen, was mich freut oder auch ärgert. Kaffee hätte man auch Zuhause, aber nicht diesen Plausch …
Nicht einmal Kirchweih kann man in Ruhe feiern – wo wir doch eine so schöne Kirche haben. Ja, Corona nervt, aber dank unserer großen Kirche können wir dennoch gestalten und zusammenkommen – ja, mit Mundschutz – besser ist´s.


Aber noch einmal: Nicht einmal Kirchweih kann man in Ruhe feiern – wo wir doch eine so schöne Kirche haben. Denn Jesus geht vorbei. Wir haben die Geschichte von Zachäus gehört. Viele kennen sie von Kind auf. Und entweder ich bin Zachäus und Jesus kommt zu mir – und ich bin glücklich; oder ich bin einer von diesen vielen Leuten, die begeistert Jesus erwarten. Und er schaut an mir vorbei und er geht an mir vorbei. Jesus kommt nicht in unser Haus – nicht in unsere Kirche. Und es gibt keine Chance, ihn hier herein zu zerren …
Ja, Jesus, alles für das verlorene Schaf – aber was wird aus mir? Wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit – ein Lächeln, ein Wort, ein Dankeschön, ein Benennen meines Beitrages … Nichts. Keine Erwähnung.
Klar, bin ich da sauer! Und Kirchweih ist verdorben. Wenn Kirche schon keinen Spaß macht, dann vielleicht der Rummel?

Wenn wenigstens die Orgel richtig spielen würde …
Naja, will ich jetzt beruhigen, das wird schon. Nur noch bis zum 1. Advent. Und es wird gut! Ich habe das doch verfolgt – die Orgelbauer arbeiten gründlich und mit Ehrgeiz.
Aber Kirchweih eben nicht – und es ist wie: Jesus geht vorbei.

Nicht nur Jesus geht vorbei – auch viele andere. Viele Gemeindeglieder, die die Kirche so ganz okay finden – hoffe ich doch – aber eben keine Zeit haben, sich hier aufzuhalten und einzufinden.
Wir hofften und hoffen, sie kämen mit rein – und sie gehen vorbei. Nein, nicht böswillig – aber eben vorbei …

Menschen mit ihren Nöten und Sorgen; gestresst und gehetzt – für die wäre dies ein guter Ort, ein ruhiger Ort, ein Ort um zur Besinnung zu kommen – wäre es … Aber sie gehen vorbei …
Irgendwie ist das bitter …
Und sogar Jesus hat Wichtigeres als zu uns zu kommen …
Naja, wir stehen heute nicht draußen auf der Straße, wartend auf Jesus, sondern wir sind in der Kirche und wissen und glauben ihn mitten unter uns, denn wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Doch – das glauben wir doch!
Nur will die Geschichte von Zachäus nicht dazu passen, weil Jesus an den Gläubigen vorbei und gerade zu Zachäus geht.
Was soll mir da noch diese Kirche und Gottesdienst usw. – wenn Jesus vorbei geht?

Aber wer sagt denn, dass ich frustriert sein muss? Ich könnte doch ein Fest feiern, weil Jesus gekommen ist und dann auch noch den Zachäus aufsucht – einen wie den aus seiner Verlorenheit heraus holt. So stinkreich er war, so einsam war er doch auch. So viel Geld er auch hatte, so wenig Freude hatte er, von Freunden ganz zu schweigen.
Es muss kein Straßenfest sein, obwohl es das spontan sein könnte, sondern wir haben einen Festsaal für solche Feiern. Da feiern wir nicht uns selbst, sondern den barmherzigen Gott und dass Jesus diesen Zachäus rumgekriegt hat – wer weiß wie – und der wieder Mensch ist statt Monstrum. Ist doch klasse!

Jesus ging zu Zachäus, gerade zu dem. Und dessen Leben wird neu. Wir hätten uns geschmeichelt gefühlt und anerkannt und belohnt und wären wenigstens etwas stolz gewesen. Und nun fühlen wir uns übergangen und verletzt.

Aber wir heute morgen doch nicht: Wir haben und nutzen dieses Haus zur Begegnung – mit Gott und untereinander; nutzen es zur Vergewisserung unserer Gottesbeziehung und unseres Miteinanders; nutzen es zum zur Ruhe kommen und hören auf Glaubensworte aus dem Bibelbuch und lauschen darin der Stimme Gottes – und schütten unser Herz aus und laden die Sorgen ab und gestehen Scheitern und Versagen und Schuld ein und werfen uns Gott in die Arme – ja, gerade so wie Zachäus, aus dem es heraus sprudelt, was alles gegen diesen Besuch Jesu gerade bei ihm spricht, und der das im Moment gar nicht alles klären kann, aber zu klären verspricht – und wie es gehen kann, wie da Frieden werden kann, weiß er ja – aus Erfahrung, aus seiner Kindheit, aus der Bibel.

Liebe Gemeinde, wir müssen mit unserer Kirche Jesus nicht imponieren. Es reicht, wenn wir gerne hier sind, um miteinander Gottesdienst zu feiern.
Amen.
Fürbitte:
Dass du, Jesus, den einen Verlorenen aufsuchst, das lässt uns immer wieder enttäuscht und verärgert am Straßenrand stehen.
Und der Gedanke, dass wir diese schöne Kirche haben und Gottesdienst feiern und dich erwarten – und du vorbei gehst, dem einen Verlorenen nach, das ist wirklich schwer zu begreifen.

Und doch, wir brauchen einen Ort für unsere Gemeinschaft.
Es tut doch gut, wenn dieses Haus ein sichtbares Zeichen in unserer Stadt ist und uns auf dich verweist.
Wir wollen uns nicht zu sehr und nicht selbstgenügsam einrichten ín unserer Kirche, sondern in ihr und mit ihr deinen Namen bezeugen. Dazu schenke uns deine Geist, der uns das Evangelium in der Sprache der anderen Menschen bezeugen lässt.

Gott, du offenbarst dich an diesem und jedem Ort in der Welt und bist doch nicht an Orte gebunden, sondern Geist, der weht, wo und wie er will. Wir möchten uns bewegen lassen von diesem Geist. Lass die Worte der Bibel und die Feier der Sakramente und unsere Gottesdienstfeier uns bestärken im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe.
Mit Jesu Worten bitten wir und sprechen es gemeinsam: